"Drive my Car" von Ryūsuke Hamaguchi im Kino:Ein magischer Film

Lesezeit: 4 min

"Drive my Car" von Ryūsuke Hamaguchi im Kino: Mr. Kafuku und seine Chauffeurin: Hidetoshi Nishijima und Tôko Miura in "Drive My Car"

Mr. Kafuku und seine Chauffeurin: Hidetoshi Nishijima und Tôko Miura in "Drive My Car"

(Foto: Rapid Eye Movies)

"Drive my Car" von Ryūsuke Hamaguchi, der japanische Oscar-Kandidat, erkundet auf langen Autofahrten die Macht des Zuhörens.

Von Fritz Göttler

Der Film ist voll von schlimmen Geschehnissen, irritierend, verstörend, katastrophisch. Ein junges Ehepaar verliert sein Töchterchen, Lungenentzündung, vier Jahre alt. Ein Mann findet, als er nach der Arbeit nach Hause kommt, seine Frau tot am Boden liegend. (Als er Wochen zuvor mal überraschend nach Hause kam, hatte er sie im Bett entdeckt mit einem jungen Kollegen.) Ein Mädchen verliert bei einem Erdbeben seine Mutter, sein Haus stürzt ein. Ein Mann feuert Schüsse ab im Kreise der Verwandten, er ist verbittert, glaubt, sein Leben sei verpfuscht: "Hätte ich normal gelebt, ich wäre ein Schopenhauer geworden, ein Dostojewski wäre ich geworden!"

Dieses letzte Geschehnis passiert auf einer Bühne, bei einer Aufführung des "Onkel Wanja" von Anton Tschechow. Der Regisseur und Schauspieler Yūsuke Kafuku, gespielt von Hidetoshi Nishijima, bringt dieses Stück in einem Workshop in Hiroshima auf die Bühne. Wie er dahin kommt, zeigt uns der Film. Wir sehen das Casting, die Proben, Ereignisse innerhalb des Teams und schließlich die Aufführung.

Der Regisseur Ryūsuke Hamaguchi, der hier eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami adaptiert und stark ausbaut, hat innerhalb weniger Jahre die Festivals der Welt erobert. (Und 2016 hatte es im Münchner Werkstattkino eine erste große Werkschau gegeben.) "Asako I & II" lief 2018 im Wettbewerb in Cannes, "Wheel of Fortune and Fantasy" gewann dieses Jahr den Preis der Jury in Berlin, "Drive my Car" den Preis fürs beste Drehbuch in Cannes.

Hin- und Herschwingen, das ist die Magie dieses unvergleichlichen Films

Es ist die Hauptfigur selbst, der einige Katastrophen dieses Films widerfahren. Ein Mann muss über den Tod seiner Frau hinwegkommen, er fängt an zu reflektieren, seine Liebe, die Liebe ganz allgemein, die Gemeinsamkeit und das Alleinsein. Yūsukes Frau, gespielt von Reika Kirishima, ist in den frühen Momenten noch unauslöschlich präsent. Sie schreibt fürs Fernsehen, ist erfolgreicher als ihr Mann im Erfinden von Geschichten. Sie erzählt ihm eines Nachts, nachdem sie miteinander geschlafen haben und nun erschöpft ruhen, von einer Frau, die sich an ein früheres Leben erinnert, als Neunauge. Ein vornehmes Neunauge. Statt sich an einen anderen Fisch anzuhängen und ihn auszuzehren, saugte sich sich mit ihrem Maul an einem Felsen auf dem Flussgrund fest. Dort schwang sie hin und her, bis sie immer dünner wurde... und schließlich Seetang glich.

Hin- und Herschwingen, das ist die Magie dieses unvergleichlichen Films. Man erlebt sie immer wieder in den Autofahrten, mit denen Yūsuke von zu Hause zur Arbeit fährt und wieder zurück, in seinem roten Saab, auf den großen Highways und in den Tunnels von Tokio, später dann auf den Überlandstraßen um Hiroshima, am Ende in weiten Winterlandschaften des Nordens. In Hiroshima darf Yūsuke nicht selber ans Steuer.

Die Organisatoren des Workshops haben eine junge Frau namens Misaki verpflichtet, die seinen Wagen fährt, gespielt von Tôko Miura. Misaki spricht wenig, wartet, bis er mit den Proben fertig ist, wenn's sein muss, bis in die Nacht hinein. Er wollte ein Hotel fernab vom Theater, damit er auf den langen Fahrstrecken den Text des Stücks hören kann, so kann er dessen Rhythmus erleben, dann spricht Tschechow zu ihm. Seine Frau hatte das Stück für ihn aufgenommen, als sie noch lebte, ausgespart nur die Sätze des einsamen Wanja. Die kann dann Yūsuke übernehmen.

Das Sprechen ist das große Thema im Kino Hamaguchis geworden, immer intensiver, in seinen Filmen gehen Leben und Theater, Erinnern und Imaginieren ineinander über, was als Dialog einsetzt, erweist sich plötzlich als Monolog. Zwischen seinen - sehr langen, sehr reflexiven - Erzählfilmen hat Hamaguchi dokumentarisches Kino gemacht, unter anderem die Tohoku-Reihe, "Sound of the Waves", "Voices from the Waves", über die Tohoku-Region im Nordosten Japans.

"Drive my Car" von Ryūsuke Hamaguchi im Kino: Auch das Nichtgesagte hat seine Bedeutung: Szene aus "Drive my Car".

Auch das Nichtgesagte hat seine Bedeutung: Szene aus "Drive my Car".

(Foto: Rapid Eye Movies)

Er hat Menschen aufgesucht, die die Erdbeben und Tsunamis erlebt hatten, die diese Region heimsuchten seit den Dreißigern, zuletzt 2012. Hat sie mit der Kamera frontiert - wirklich frontal, sodass ihre Situation des Erinnerns dokumentiert wird. Die Erfahrungen dabei hat seine Arbeit mit Schauspielern geprägt. "Ich hatte das Gefühl, die Distanz war zu groß zwischen der Kamera und dem, was sie filmt ... Der Akteur hatte Abstand. Wenn die Kamera aber frontal zu ihm ist, hat er keine Wahl, keinen mögliche Ausweg, um zu entkommen. Er muss akzeptieren, dass er gefilmt wird."

Sprechen bedeutet in diesem Film nicht nur, Worte zu finden

Hamaguchi nennt, was das Filmemachen angeht und seine Beziehung zum Theater, Cassavetes und Rivette als Vorbilder. Was das Autofahren im Kino angeht, Wenders und Kiarostami. Man kann in seinem wahrlich magischen Film alles über die Kommunikation lernen... Dass Sprechen nicht bedeutet, Worte zu finden, Sachen und Sachverhalte zu benennen, dem andern etwas einzureden. Dass unter den artikulierten Worten Nichtgesagtes mitschwingt, emotional und gestisch, hin und her, was die Worte selbst phantomhaft macht. Die Akteure des Wanja-Workshops sprechen ganz diverse Sprachen, die Rolle der Sonja spielt eine junge Frau aus Südkorea (Yoo-rim Park), sie war einst Tänzerin, ist gehörlos und kommuniziert mit Gebärdensprache.

Die Erfahrung von unverständlichem, schmerzlichem Verlust, den Yūsuke erleben muss, führen ihn nach Hiroshima und in die Rolle des Wanja. Er lernt, dass die Liebe - wir wissen es von Freud, Foucault, Lacan - nicht wirklich fixiert ist auf einen Partner, ein Objekt, sie kann mit dem Schweigen des Gegenübers zurechtkommen - wichtig ist nur die Anwesenheit des Zuhörers, seine Präsenz. Das Zuhören, sagt Hamaguchi, ist ein aktiver Part. Und wenn Yūsuke das gelernt hat, wird er mit einer der schönsten Umarmungen der Kinogeschichte belohnt, und wir mit ihm, Sonja schlingt die Arme um ihn und öffnet das Leben für Wanja.

Doraibu mai kâ, 2021 - Regie: Ryūsuke Hamaguchi. Buch: Hamaguchi, Takamasa Oe. Nach der Kurzgeschichte von Haruki Murakami. Kamera: Hidetoshi Shinomiya. Schnitt: Azusa Yamazaki. Musik: Eiko Ishibashi. Mit: Hidetoshi Nishijima, Tôko Miura, Reika Kirishima, Paku Yurimu, Jin Deyon, Masaki Okada. Rapid Eye Movies, 179 Minuten. Kinostart: 23. 12. 2021.

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