Drittes Reich Pierrot und der Führer

Das neue Buch von John Boyne über einen Jungen, der bei Hitler auf dem Berghof lebt, verändert die historischen Tatsachen, um die Verführbarkeit auch schon von Kindern und Jugendlichen zu zeigen.

Von Siggi Seuss

John Boynes Roman "Der Junge im gestreiften Pyjama" war vor zehn Jahren ein Welterfolg. Kritische Stimmen bemängelten damals, man könne ein in seiner Tragik unermessliches Thema wie den Holocaust nicht auf eine irreale Freundschaft zwischen dem Kind eines Lagerkommandanten und einem gleichaltrigen jüdischen Jungen herunterbrechen. Nur in Form einer Fabel konnte der Ire seinem Anliegen gerecht werden.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg. Aus dem Englischen von Ilse Layer. Fischer Verlag, Frankfurt 2017. 304 Seiten, 16,99 Euro.

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In seinem neuen Roman, "Der Junge auf dem Berg" - übersetzt von Ilse Layer - ist von Fabel keine Rede mehr. An John Boynes hehrer Intention besteht indes kein Zweifel: die Geschichte der Verführbarkeit eines jungen Menschen zu erzählen. Er schickt den französischen Waisenjungen Pierrot 1937 im Alter von sieben Jahren auf den Berghof, das wichtigste Refugium Adolf Hitlers, gleichwohl ein zentraler Ort seiner Machtausübung. Dort arbeitet Pierrots Tante als Hauswirtschafterin, die sich, mit Hitlers Erlaubnis, des leidgeprüften, sensiblen Kindes annimmt. Der vom Ersten Weltkrieg traumatisierte deutsche Vater hatte sich das Leben genommen. Seine französische Mutter starb an Tuberkulose. Pierrot faszinieren alsbald Uniformen und forsches Auftreten machtbewusster HJ-Funktionäre. Zudem gerät er immer mehr in den Bann des "Führers", der ihm unerwartet Vertrauen schenkt. So entwickelt sich Pierrot, der inzwischen Peter heißt, zu einem Fanatiker, der schließlich das Leben ihm naher Menschen zerstört und unter einem Berg von Schuld versinkt, die ihn ein Leben lang zeichnet, selbst wenn ihm Boyne am Ende eine besondere Art der Katharsis zuteil werden lässt.

Der erste Teil der Geschichte erscheint glaubwürdig. Die Konflikte der Eltern. Die innige Freundschaft zu einem jüdischen Nachbarsjungen. Der Aufenthalt im Waisenhaus. Dann aber, als sich das Kind auf dem Berghof einlebt, beugt Boyne die Realität derart auf das Maß seiner Absicht herunter, dass der wissende Leser, der die Geschichte der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs kennt, die Stirn in Falten legt. Hitler ist von nicht unbedingt wohlgesonnenen Bediensteten umgeben. Ein Attentat wird vorbereitet und im letzten Augenblick verhindert. Pierrot-Peter liest inzwischen mit Begeisterung "Mein Kampf". Als Protokollführer eines Geheimgesprächs wird er unmittelbarer Ohrenzeuge der Auschwitz-Pläne. Er versucht, eine Mitschülerin, die ihm nicht zu Willen ist, mit Gewalt zu erobern. Mit 15 schenkt er Eva Braun Thomas Manns "Zauberberg". Kurz vor Kriegsende bereut er sofort "zutiefst". Orientierungslos zieht er über Land und wird Lehrer in Amsterdam. Erst danach liest er angeblich sein erstes Buch seit "Emil und die Detektive", seiner Lieblingslektüre aus Kindertagen.

Die historischen Tatsachen werden vom Autor zur Förderung des Erkenntnisprozesses des Lesers zurechtgebogen und so unglaubwürdig. Um die Verführbarkeit junger Menschen zu veranschaulichen, braucht es kein pseudorealistisches Szenarium aus dem Inneren des Hitlerschen Machtzirkels. Dazu reicht einfach eine Fabel. (ab 13 Jahre)