Dritte Station in Bijelo Polje, Montenegro Hotel Venezia

Steht hier tatsächlich ein Hotel? Neben dieser Straße, den Geleisen und dem See?

Ist das ein Traum, oder existiert diese Herberge wirklich? Ein Hotel, das "Venezia" heißt, aber in Montenegro liegt. Und an dem außen ständig schwere Laster vorbeirattern und innen drin sogar das Porträt von Josip Bros Tito nicht ernst gemeint sein kann. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

Ist das ein Traum, oder existiert diese Herberge wirklich? Ein Hotel, das "Venezia" heißt, aber in Montenegro liegt, an der albanischen Grenze. Und an dem außen ständig schwere Laster vorbeirattern und innen drin sogar das Porträt von Josip Bros Tito nicht ernst gemeint sein kann.

Schon von weitem sah das Hotel aus wie eine Kulisse. Es wirkte gebaut. Gut, bauen musste man jedes Hotel, aber dann steht es da, fügt sich in die Landschaft oder scheint fehl am Platz, wirkt neu oder als wäre es schon immer hier gewesen.

Dieses Hotel aber wirkte provisorisch. Es war in einer Kurve an einen Felsen hingestellt, hatte zwei Stockwerke, eines mit einer Balustrade und kleinen verschnörkelnden Säulen, und eines mit Fenstern, die an ein Palais erinnerten. All das war weiß, glatt und sauber, zumindest auf den ersten Blick.

Er folgte dem schummrigen Leuchtschild, auf dem in einer schon verblassten 80er-Jahre-Schrift "Hotel Venezia" stand, und stieg aus dem Auto. Keines der Fenster war beleuchtet, aber in einem kleinen Steinhäuschen, das vor dem Hotel stand, brannte ein schummriges Licht. Nur dieses Licht und die beleuchtete Schrifttafel ließen darauf schließen, dass da Hotel überhaupt in Betrieb war.

Er ging die wenigen Stufen des schmalen, offenen Treppenhauses nach oben, da er dort die Rezeption vermutete. Aus der Nähe war das Weiß der leicht marmorierten, reliefartigen Kacheln nicht mehr so sauber. Nicht, weil hier etwas schmutzig gewesen wäre, sondern weil es unbenutzt, unbelebt und in die Jahre gekommen wirkte.

Ihn fröstelte. Ein kalter Wind wehte vom See herüber, und schwere Laster ratterten nur wenige Meter entfernt um die Kurve vor dem Hotel. Die offene Terrasse, auf der er stand, vibrierte leicht. Den Lastern folgte ein Personenzug, der sich quietschend die Gleise, die neben der Straße verliefen, entlang quälte.

Groß und schön gerahmt

Die Lage des Hotels in dieser Kurve, neben dieser Straße, den Geleisen und dem See trugen zur Kulissenhaftigkeit des Ortes bei. Die Inneneinrichtung tat das Ihre dazu. Das Bild von Josip Broz Tito im Gang war groß, schön gerahmt und gehörte dort nicht hin. Es war nicht über einer Türe oder einem Schreibtisch angebracht, also war es nicht ernst gemeint, sondern reine Dekoration.

So wie die Kleiderpuppe am Eingang der Bar, mit ihrer halboffenen Bluse und den Hosenträgern. Sie erinnerte damit vage an Charlotte Rampling im Film "Der Nachtportier" und wollte so die Atmosphäre einer längst vergangenen Urlaubserotik versprühen.

Die Bar selbst, die wie eine ausgepresste Zitrone im Dunkel darauf wartete, noch einmal benutzt zu werden, sah aus, als hätte ein Ausstatter verschiedene Retromöbel zusammengetragen und wahllos in dem länglichen, ungemütlichen Raum verteilt.

Schlampig hochgesteckte Haare

Ihm fröstelte mehr und mehr. Das Gemäuer war kalt, und der Wind trug einen Regenschauer über die Balustrade. Er trat einen Schritt zurück, als ihn jemand auf Deutsch ansprach. Als er sich umdrehte, sah er eine Frau um die Vierzig, in einen beigen Schal gewickelt, vor sich stehen. Sie trug einen grauen Rock, der bis knapp über die Knie reichte, und dicke, schwarze Wollstrümpfe. Ihre dunklen Haare waren schlampig hochgesteckt, wobei nicht auszumachen war, ob das Stil oder Achtlosigkeit war.

Sie begrüßte ihn in fast perfektem Deutsch. Es musste wohl seine Autonummer gewesen sein, die ihn verraten hatte. Ja, das Hotel sei geöffnet, ja, es gäbe warmes Wasser und Heizung, und ja, es seien noch Zimmer frei - eigentlich alle Zimmer. Nein, zu essen gäbe es nichts, sie sei nur die Rezeptionistin, nein, die Laster würden nicht die ganze Nacht fahren, ab Mitternacht würde es ruhiger, nein, die Bar wäre auch nicht geöffnet. Ja, genau, sie sei mit einem Mann aus Hamburg verheiratet, lebe aber in Scheidung. Aber das hatte er gar nicht gefragt.