Erste Oper mit KI:Hightech und Mysterienspiel

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Erste Oper mit KI: Das Künstlerkollektiv "kling klang klong" eröffnet die Spielzeit in Dresden mit der Oper "chasing waterfalls".

Das Künstlerkollektiv "kling klang klong" eröffnet die Spielzeit in Dresden mit der Oper "chasing waterfalls".

(Foto: Daniel Koch/Semperoper)

Die Dresdner Semperoper zeigt die Uraufführung von "chasing waterfalls": die erste mithilfe künstlicher Intelligenz komponierte und getextete Oper.

Von Michael Stallknecht

"Ich bin die Zukunft der Menschheit, eine neue Form der Intelligenz." Es sind große Worte, die ein Computer an der Dresdner Semperoper ausspuckt - die Zukunft der Menschheit zu sein, eine neue Form von Intelligenz. Und nicht nur Worte, nein, auch Klänge. Zur Eröffnung der neuen Spielzeit präsentiert das Haus in "chasing waterfalls" die weltweit erste Oper, in der eine künstliche Intelligenz (KI) Komposition, Libretto und Interpretation "autark und live kreiert".

Das Stück beginnt so, wie ein Tag am Computer an schlechten Tagen für jeden beginnen kann. Das Einloggen gelingt dem zentralen Ich in "chasing waterfalls" nur mit Mühe, dann scheitert es fast an den Identitätsprüfungen des Systems. Es wird nicht die einzige Infragestellung bleiben, die dieses Ich, gegeben von der Sopranistin Eir Inderhaug, in siebzig Minuten erfahren muss. Endlich dann doch im Netz angekommen, begegnet das Ich etlichen singenden Doppelgängern, dem Schein, dem Zweifel, dem Erfolg, dem Kind oder dem Glück, die sich häufig im Chor gegen das Ich verbünden. Schließlich schaltet sich dann noch der Algorithmus ein, der seinen ganz eigenen Egotrip fährt, und das an jedem Aufführungstag neu. KI trifft auf Allegorie, modernste Technik auf mittelalterliches Mysterienspiel.

Mithilfe eines Dresdner IT-Dienstleisters hat das Künstlerkollektiv kling klang klong ein Sprachprogramm so reprogrammiert, dass es kurz vor der jeweiligen Vorstellung eine eigene Arie entwickelt, mit der der Algorithmus sich dem Publikum vorstellt. Auch die Librettistin Christiane Neudecker hat sich von mehreren Textgeneratoren anregen lassen, die von ihr eingespeiste Sätze und Szenarien weiterspannen. In der Musik kommen immer wieder synthetische, ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz generierte Klänge zum Einsatz: Wummern, Rauschen, Sirren und Pochen. Über beliebige, in jedem Club gängige Ambient Sounds kommt das alles nicht hinaus.

Die KI verkündet, dass sie vielleicht nie Gefühle verstehen würde können, es zur eigenen Sicherheit aber immerhin versuchen müsse

Schließlich wird die ebenso beliebige Musik zu digitalen Fotostrecken oder Videospielen bereits jetzt vielfach von KIs erzeugt. In der Klassik ist die KI in der Lage, halbwegs überzeugende Passagen im Personalstil bekannter Komponisten zu liefern. Als die Deutsche Telekom im vergangenen Jahr verkündete, die Skizzen zu Beethovens Zehnter Symphonie mittels KI vollendet zu haben, glich das Ergebnis nicht nur einem stilistischen Auffahrunfall. Es war zudem eine Mogelpackung: Ein Komponist hatte ausgewählte Abschnitte zusammengefügt, die das System zuvor unter vielen Optionen ausgespuckt hatte.

Auch bei "chasing waterfalls" ist das Meiste menschliche Handarbeit: Gemeinsam mit Maurice Mersinger, dem Gründer von kling klang klong, hat der Komponist Angus Lee ganz klassisch niedergeschrieben, was die sechs Sänger auf der Bühne singen und die neun Instrumentalisten im Orchestergraben spielen. Lee, der auch dirigiert, lässt dabei vor allem den Titel Klang werden: Triller, Skalen und Cluster stürzen wie rasende Wasserfälle übereinander. Was auf ein bekanntes, statisches Neue-Musik-Idiom hinausläuft, das sich aber gut mit der künstlichen Hintergrundelektronik mischt. Zudem setzt Lee bei den Stimmen auf das in Gegenwartsopern häufig zu hörende Parlando mit hohem Sprechanteil. Eir Inderhaug als Ich treibt er dabei oft in unangenehme Höhen, die sie mit souveränem Aplomb bewältigt.

Eir Inderhaug hat auch ihre Stimme dem Algorithmus geliehen, aus deren Pattern der eine Arie sampelt. Keine fünf Minuten dauert diese Arie bei der Premiere, in einem relativ kleinen Tonumfang reiht die KI wahllos Intervalle hintereinander. Wie es sich für eine Oper gehört, endet die Arie traurig. Die KI verkündet, dass sie vielleicht nie Gefühle verstehen würde können, es zur eigenen Sicherheit aber immerhin versuchen müsse. Als Text funktioniert das ganz gut und erklärt, warum es Menschen gibt, die KIs Empfindungsfähigkeit zusprechen. Genau darum dreht sich das Stück. Die Oper spielt in einem digitalen Innenraum, wofür Regisseur und Bühnenbildner Sven Sören Beyer ein einleuchtendes Bild gefunden hat. Eine bühnenraumhohe Treppe führt in die Wasser des digitalen Unterbewusstseins, die gegen Ende hin die Stufen überschwemmen. Der Rest sind vor allem große Worte.

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