"Dreizehn Leben" auf Amazon Prime:Das Wunder

Lesezeit: 3 min

"Dreizehn Leben" auf Amazon Prime: Warten auf die Rettung: Teeradon Supapunpinyo (Mitte) ist der Coach in "Dreizehn Leben", der seine Jungs mit Meditation aufbaut.

Warten auf die Rettung: Teeradon Supapunpinyo (Mitte) ist der Coach in "Dreizehn Leben", der seine Jungs mit Meditation aufbaut.

(Foto: Vince Valitutti / Amazon Prime)

Ron Howard erzählt in "Dreizehn Leben" die Rettung einer Kinderfußballmannschaft aus der Tham-Luang-Höhle in Thailand als klassisches Hollywood-Drama. Kann das funktionieren?

Von Tobias Kniebe

Irgendwann kommt der Moment, den man insgeheim fürchtet. Da treten Viggo Mortensen und Colin Farrell auf, in Helmen mit angeflanschten Taschenlampen und Spezialanzügen, die man zum Tauchen in den tiefsten Höhlen der Erde braucht. Sie schauen ernst und sagen nicht viel, aber ihre Coolness ist fast mit Händen zu greifen. Ihre Präsenz transportiert eine unmissverständliche Botschaft: Wenn erst mal Aragorn und Alexander der Große zur Rettung antreten, kann ja wohl nichts mehr schiefgehen.

Was ein bisschen schade ist, denn die Spannung von Ron Howards Film "Dreizehn Leben" besteht ja gerade darin, dass bis zur letzten Sekunde alles schiefgehen könnte. Es ist das Drama der zwölf Fußballjungs und ihres Trainers, die im Jahr 2018 von der plötzlichen Überflutung der Tham-Luang-Höhle im Norden Thailands überrascht und vom Wasser eingeschlossen wurden. Neun Tage war die Welt ohne Lebenszeichen, dann wurden die Verschollenen entdeckt, ausgezehrt, aber unverletzt, in einem nahezu unzugänglichen Hohlraum im Inneren des Bergs. Zwei Militärtaucher starben beim Versuch, sie herauszuholen, am Ende wurde rund um die Uhr berichtet - bis hin zur wundersamen Rettung.

"Dreizehn Leben" auf Amazon Prime: Thira Chutikul (links) ist ein Navy Seal-Soldat, aber Viggo Mortensen als Rick Stanton taucht besser. Was kann mit Aragorn schon schiefgehen?

Thira Chutikul (links) ist ein Navy Seal-Soldat, aber Viggo Mortensen als Rick Stanton taucht besser. Was kann mit Aragorn schon schiefgehen?

(Foto: Vince Valitutti / Amazon Prime)

Diese Story von Durchhaltevermögen und Überlebenswillen, von weltweiter Hilfsbereitschaft und vom Teamspirit einer gigantischen Rettungsaktion hat schon viele Nacherzählungen inspiriert: Bücher, Filme, Serien und den tollen Dokumentarfilm "The Rescue". Beim Kampf um jene besonderen Filmrechte, die auch Zugang zu den Geretteten und ihren Familien brachten, setzte sich schließlich der Veteran Ron Howard durch, der nun quasi die Hollywood-Version machen durfte: einen Spielfilm mit Stars und großem Budget, finanziert von MGM und Amazon Prime.

Wenn bei solchen realen Geschichten das Label Hollywood ins Spiel kommt, vermutet man ja erst mal nichts Gutes. Werden da ein paar der Beteiligten wieder zu Übermenschen aufgeblasen, damit ein großer Star sie spielen will, während alle anderen zu Randfiguren schrumpfen? Sind es dann doch wieder nur ein paar (ältere, weiße, männliche) Engländer, die als weltbeste Höhlentaucher das Unmögliche schaffen, umgeben von zaudernden Thais, belohnt von Tränen aus dankbaren Kinderaugen?

Nun, siehe oben: Den Zwängen und Tücken des Starkinos kann auch Ron Howard nicht entkommen. Aber er tut sein Bestes, es wenigstens zu versuchen. Viggo Mortensen & Co. müssen die Leinwand mit sehr vielen Akteuren teilen, denn alle, die wichtig waren, sollen vorkommen: die Jungs, ihr Trainer und ihre Eltern; der pflichtbewusste Gouverneur, der den Einsatz leitete und im Fall eines Fehlschlags schon als Sündenbock vorgesehen war; die thailändischen Marinetaucher, die am Ende Tote in ihren Reihen zu beklagen hatten; der Ingenieur, der mit den Einheimischen zusammen unermüdlich Entwässerungsrohre verlegte; ja selbst die Bauern, die freiwillig der Überflutung ihrer Felder und dem Verlust ihrer Ernte zugestimmt haben ("Für die Jungs!").

Ein großes In-die-Hände-Spucken, eine Feier der Teamarbeit

Das ist es am Ende, was das erstaunlich faktentreue Drehbuch von William Nicholson versucht: die unterschiedlichsten Perspektiven zusammenzubringen, die verschiedensten Teams und ihre Arbeit zu würdigen. Der Triumph über die Naturgewalt einer Monsunflut wird zum großen Zusammenrücken und In-die-Hände-spucken, über Nationalitäten, Zuständigkeiten und Dienstgrade hinweg. Mit Improvisieren, Abwägen, Zaudern und wieder Voranstürmen, mit vielen kleineren und größeren Akten des Heroismus.

Unter den aktiven Filmemachern Hollywoods ist Ron Howard der große Optimist. Wie schon in seinem gar nicht so unähnlichen Weltraum-Rettungsfilm "Apollo 13" spürt man hier einen Respekt vor der Wirklichkeit menschlicher Leistungen und Erfahrungen, die man nicht so zurechtbiegen kann, wie es dramaturgisch gerade passt. Die Herzschlag-Momente, in denen es um Leben und Tod geht, sind dementsprechend manchmal subtil: eine Atemluft-Flasche, der sich fatal zwischen Stalaktiten verhakt; ein Führungsseil, das der Hand eines Tauchers im trüben Höhlenwasser entgleitet; die Atemgeräusche eines Kindes unter der Tauchermaske, die plötzlich aussetzen...

So wird der Film eine Art Geschichtsstunde darüber, wie die Rettung im Detail gelungen ist, und noch im Nachhinein staunt man, wie klein die Chance war, dass alle Eingeschlossenen tatsächlich überleben würden. Die Vielfalt der einzelnen Schicksalsfäden, die sich dabei verknüpfen und verweben, wird zur dramaturgischen Herausforderung: Man versteht, warum sie alle in "Dreizehn Leben" ihren Platz bekommen sollten, und erkennt doch, dass viel Persönliches der einzelnen Figuren dabei auf der Strecke bleibt. Der Film hat Überlänge und wirkt doch teilweise fast atemlos. Dass er sich dennoch zu einem gelungenen Drama fügt, spricht am Ende sehr für das klassische Erzählhandwerk seiner Macher.

Ein sehr spezieller Wermutstropfen bleibt nur für jene Zuschauer, die "The Rescue" gesehen haben - dieselbe Geschichte als Dokumentarfilm. Da lernt man die beiden wichtigsten Retter, die Engländer John Volanthen und Rick Stanton, sehr gut kennen. Sie sehen natürlich nicht so aus wie Colin Farrell und Viggo Mortensen, die sie jetzt spielen. Sie sind zwar die besten Höhlentaucher der Welt, aber cool würde sie auf den ersten Blick niemand nennen. Man spürt, wie nerdig ihr Hobby tatsächlich ist, und wie sie immer noch erwarten, dafür belächelt zu werden. Aber gerade in ihrer schrulligen Entschlossenheit sind sie am Ende ganz unwiderstehlich. Ein Hollywood-Actionfilm, der sich einmal an solche Hauptfiguren herantrauen würde - das wäre wirklich mal was Neues.

Thirteen Lives, GB 2022 - Regie: Ron Howard. Buch: William Nicholson. Kamera: Sayombhu Mukdeeprom. Musik: Benjamin Wallfisch. Mit Colin Farrell, Joel Edgerton, Viggo Mortensen, Sukollawat Kanarot, Thiraphat Sajakul. Amazon Prime, Streamingstart: 5. August 2022

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