"Dream Horse" im Kino:Das "Hywl"-Gefühl

"Dream Horse" im Kino: Ein Dorf dreht durch: Toni Collette (Mitte) in "Dream Horse".

Ein Dorf dreht durch: Toni Collette (Mitte) in "Dream Horse".

(Foto: Kerry Brown/Weltkino)

Der Kinofilm "Dream Horse" erzählt von einer frustrierten Supermarktkassierin, die zur Rennpferdzüchterin wird.

Von Martina Knoben

Der Galopprennsport gilt als "Sport der Könige". Kein Wunder - wer kann sich die Vollblutzucht, Haltung und Training der edlen Tiere schon leisten. Die Supermarktkassierin Jan (Toni Collette) jedenfalls nicht. Und doch hat sie eines Abends plötzlich die irre Idee, ein Rennpferd zu züchten, obwohl sie wenig Geld und keine Erfahrung mit Pferden hat. Aber Hunde- und Brieftaubenzucht haben schließlich auch geklappt. Die Idee mutet wie der mäßig überzeugende Einfall eines Drehbuchschreibers an, der einem Underdog einen Erfolg against all odds bescheren will und einem Film aufregende Galopprennbilder. Umso verblüffender ist, dass "Dream Horse" auf einer wahren Geschichte beruht. Die realen Akteure sind am Ende des Films zu sehen.

Sein Anfang lässt ein typisch britisches Sozialdrama erwarten, Jans Alltag ist Working-Class-Tristesse pur. Tagsüber arbeitet sie im Supermarkt an der Kasse, abends hilft sie im Pub des walisischen Dorfes aus, wo sie mit ihrem Mann Brian (Owen Teale) lebt. Der ist alles andere als ein Aufreger, ein Mann im Vorruhestand mit Arthrose und Zahnlücken, der kaum vom Fernseher wegzukriegen ist. Die Kinder sind aus dem Haus, in ihrer Freizeit kümmert sich Jan um ihre alten Eltern. Ihr Frust ist mit Händen zu greifen. Auch ihr Dorf wirkt ärmlich und abgehängt. Es gibt die Kneipe, den Supermarkt und viel Grün, man fragt sich, wovon die Menschen im Ort eigentlich leben.

Das Fohlen heißt Dream Alliance - weil das ganze Dorf zusammen träumt

Toni Collette spielt Jan als biedere, aber grundsympathische Heldin, die in einem öden Leben auf ein wenig Schwung, einem Ziel, einem Traum besteht. Gerade weil ihre Idee so verrückt ist, schafft sie es, ihren Mann und den Steuerberater und Pferdexperten Howard (Damian Lewis) und schließlich das halbe Dorf dafür zu begeistern. Gemeinsam beschließen sie, eine Genossenschaft zu gründen, die die Kosten für das Pferd miteinander teilt. Und schließlich wird ein Fohlen geboren, das sie Dream Alliance - Traumallianz - nennen.

Es gibt nichts in diesem Film, das nicht irgendwie erwartbar wäre. Dass ein Pferd bei Amateuren im Garten aufwächst und wider jede Wahrscheinlichkeit zum Champion wird, ist aus diversen Pferdefilmen bekannt, das eigenwilllige Personal der Dorfgemeinschaft erinnert an britische (Tragi-)Komödien nach dem Vorbild von Bill Forsyths "Local Hero" (1983). Überraschungen gibt es kaum in diesem Film von Euros Lyn und Drehbuchautor Neil McKay, und doch fällt es schwer, ihn nicht zu mögen.

"Dream Horse" im Kino: Toni Collette und Owen Teale züchten ihr "Dream Horse".

Toni Collette und Owen Teale züchten ihr "Dream Horse".

(Foto: Kerry Brown/Weltkino)

"Hywl" ist ein walisisches Wort, das nach Aussage der Dorfbewohner so viel bedeutet wie emotionale Überzeugung, Motivation und Schwung. Das ist es, was die "Dream Alliance", die Dorfbewohner als Gemeinschaft der Träumenden, bewegt, ihre überschaubaren Ersparnisse in die Aufzucht und das Training eines Rennpferdes zu investieren. Und dieses "Hywl"-Gefühl ist auch das Leitmotiv des Films, ein Plädoyer, sich mit dem tristen Status quo einfach nicht zufriedenzugeben.

Das Pferd ist ein Kämpfer, die Dorfbewohner sind es auch

Das Rennen, auf das "Dream Horse" zusteuert, ist das Waliser Grand National, ein mit viel Patriotismus aufgeladenes legendäres Hindernisrennen, bei dem die Pferde über zahlreiche Zäune springen. Dream Alliance wird als "Kämpfer" beschrieben, das Pferd muss Hürden, auch im übertragenen Sinn, überwinden und wird damit zum Vorbild für die Dorfbewohner. Einiges gerät in Bewegung bei Jan und ihrem Mann, der immer häufiger sogar die Zahnprothese einsetzt, und auch bei den übrigen Genossenschaftlern. Sie reisen, ungerührt rustikal, zu immer höherklassigen Rennen, den "Trainer und Besitzer"-Zugangspass für die VIP-Lounge in der Tasche. Hier treffen die Metzgersfrau und der Bürgermeister, der örtliche Saufbold und die alte Dame auf Snobs der "besseren Gesellschaft", reiche Pferdesitzer, Adelige und Prominente. Dem Film beschert das lustig-auftrumpfende Momente.

Das alles wirkt fast schon naiv optimistisch. Einem Filmemacher wie Ken Loach, dessen Sozialdramen selten gut ausgehen, dürfte sich bei dieser Siegesserie des ländlichen Prekariats gegen das Establishment der Magen umdrehen. Und Tierschützer kritisieren schon länger die Hindernisrennen, in denen sich Dream Alliance' Kämpferqualitäten zeigen lassen, als Tierquälerei (eine ähnliche Debatte findet gerade um das Reiten im Modernen Fünfkampf statt). Aber wer will meckern bei einem Film, der vor allem gute Laune machen möchte, noch dazu, wenn die Mutmach-Story auf Tatsachen basiert.

Dream Horse, GB 2020 - Regie: Euros Lyn. Buch: Neil McKay. Kamera: Erik Wilson. Schnitt: Jamie Pearson. Musik: Benjamin Woodgates. Mit: Toni Collette, Damian Lewis, Owen Teale, Joanna Page. Verleih: Weltkino, 114 Minuten. Ab 12. 8. im Kino.

© SZ
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