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Drama:Schonungslos

Keren Yedayas ultrakonsequentes Inzest-Exerzitium "That Lovely Girl" erzählt von Intimität und Demütigung.

Von Philipp Stadelmaier

Schon die Art, wie die junge Frau sich in der ersten Einstellung die Zähne putzt, rhythmisch und etwas mechanisch, das Scheuergeräusch im Mund und die Nähe der Kamera, welche die kleinen Poren und Leberflecke ihrer Haut schonungslos hervorhebt, verschaffen ein erstes, seltsames Unbehagen gegenüber diesem Körper.

Man mag hier schon ein wenig ahnen, worin die große Qualität von "That Lovely Girl" besteht. Nämlich genau darin, den Zuschauer nicht in die Intimität einer Figur einzuladen, obwohl diese die ganze Zeit über in ihrer größten Intimität gezeigt wird. Stattdessen baut Keren Yedaya in die Nähe Irritationen ein - wie das Scheuern der Zahnbürste, das Glänzen der Poren auf der Haut. Für diese Distanz kann man ihr nur dankbar sein. Denn nie ist Intimität im Film so unangenehm wie da, wo sie unausgesetzt gedemütigt wird wie hier.

Tami (Maayan Turjeman), zweiundzwanzig Jahre alt, hat eine Beziehung mit einem älteren Mann (Tzahi Grad). Zunächst sieht man sie in einem Restaurant. Der Mann isst mit Appetit. Sie steht irgendwann auf, geht auf die Toilette, übergibt sich. Und, sagt da gerade der Mann zur Bedienung, als sie zurückkommt: Haben Sie meine hübsche Tochter gesehen?

Inzest also, Misshandlung, Selbstzerstörung - das ist die Marschroute dieses israelischen Films. Als sie nach Hause kommen, nimmt der sonnengegerbte, helläugige Alte seine "hübsche Tochter" im Schlafzimmer. Am nächsten Tag wirft sie ihm vor, eine andere Frau zu sehen, wofür er sie mit mehreren Schlägen und kurzem, hartem Sex von hinten bestraft, bevor er zur Arbeit geht. Sie leidet, ritzt sich, hat einen Fressanfall und kotzt. Es ist das volle Programm, Demütigung inklusive: Wenn sie so fett werde, wie solle er sich da keine andere Frau nehmen, sagt der Vater ihr später.

That Lovely Girl

Verstörendes Duo: Vater (Tzahi Grad) und Tochter (Maayan Turjeman).

(Foto: Aries Images)

Er nimmt sich alle Freiheiten, dominiert Tami nach Belieben. Er bringt sie zum Lachen, wenn er nach Tagen der Abwesenheit wieder nach Hause kommt - und demütigt sie dann doch wieder, in dem er seine neue Freundin einlädt. Das hört sich nicht nur hart an - es ist auch hart anzuschauen. Man könnte nun darin eine in Zynismus umschlagende Krise des Kinos erkennen: Um den Zuschauer heute noch zu erreichen, muss man ihn vergewaltigen. Und dennoch stellt sich vor "That Lovely Girl" niemals dieses Gefühl ein, wegschauen zu wollen, weil man sich auch als Betrachter misshandelt fühlt. Dass die Fressattacken, das Kotzen, die Schläge, der Sex und Tamis Tränen so oft wiederholt werden - das gibt diesen Szenen eine gewisse Nüchternheit und insistiert auf der Frage, was das alles eigentlich bedeutet.

Man könnte den Film als Parabel auf die israelische Gesellschaft lesen: Die ältere Generation manipuliert die jüngere emotional und hält sie gefangen, in einem inzestuösen Klima der Angst vor allem Äußeren. Aber dann müssten wenigstens diese Gitarre spielenden jungen Männer, die Tami bei ihrem ersten Ausbruch am Strand von Tel Aviv trifft, halbwegs sympathisch sein. Aber auch sie reduzieren Tami nur auf ein Stück Fleisch, um sie der Reihe nach durchzuvögeln. Es ist schließlich eine Frau, die ihr hilft, wenn sie danach verzweifelt und heulend über den Strand streunt. "That Lovely Girl" wäre dann also ein antichauvinistisches Plädoyer.

Warum aber diese offensichtliche Passivität Tamis? Sicher, sie mag ein Opfer der Gesellschaft oder ihres Vaters sein, so traumatisiert, dass sie sich längst nicht mehr helfen kann. Und trotzdem: Ihre Intimität bleibt komplett undurchsichtig, ihre Pummeligkeit wird ebenso schonungslos gezeigt wie ihre nägelkauende Kindlichkeit und Idiotie. Ein Bewusstsein von sich selbst scheint sie kaum zu haben. Diese Dumpfheit lässt einen verrückten, naiven Traum von einem privaten, inzestuösen Glück "trotz allem" in ihr erkennen, wie ein Rest, der sich weder in der sozialkritischen noch der psychologischen Seite des Dramas auflösen lässt - aber natürlich unmöglich ist. Auch der Vater träumt davon, mit ihr ins Ausland zu gehen, um dort zu leben "wie normale Menschen". Zweimal wird sie zu ihm zurückkehren. Ein drittes Mal hoffentlich nicht. Aber nichts ist weniger sicher.

That Lovely Girl, ISR/DEU/FRA, 2014 - Regie, Buch: Keren Yedaya, Kamera: Laurent Brunet. Mit Maayan Turjeman, Tzahi Grad. Aries Images, 100 Min.

© SZ vom 23.04.2015
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