Krimikolumne:Eingraben und Ausgraben

Lesezeit: 3 min

Krimikolumne: Mit Diamanten im Wert von 20 Millionen Dollar im Seniorenheim unterschlüpfen: Eine gute Idee?

Mit Diamanten im Wert von 20 Millionen Dollar im Seniorenheim unterschlüpfen: Eine gute Idee?

(Foto: TaiChesco/imago images)

Dunkle Energie, Mafia-Klunker, Drogendeals: Die besten Krimis fürs Frühjahr mit Doug Johnston, Richard Osman und Tana French.

Von Fritz Göttler

Die Bestatterin

Nur fünf Prozent des Universums kann man wahrnehmen, der unsichtbare Rest bleibt Geheimnis, dunkle Materie. So hat es Hannah in ihrem Erstsemester-Seminar über Teilchenphysik gelernt. "Dunkle Materie ist der Kleber des Universums", und "aufgrund ihrer Wirkungen auf das für uns Sichtbare wissen wir von ihrer Existenz." So verhält es sich auch mit den Geheimnissen im Kriminalroman. "A Dark Matter" heißt der neue von Doug Johnstone im Original.

Drei Frauen - Dorothy, Jenny und Hannah, Großmutter, Mutter und Enkelin. Gemeinsam betreiben sie in Edinburgh ein eigenartiges Doppelgeschäft, das Großvater Skelf gründete, ein Bestattungsunternehmen und eine Detektei. Zwei gegenläufige Professionen, Eingraben und Ausgraben, das Verbergen und das Aufreißen von Einsamkeit. Wenn Jenny beispielsweise einen Ehemann observiert, entdeckt sie als sein Geheimnis, dass er ein Zimmer gemietet hat, wo er, ohne dass seine Frau davon weiß, sich als Maler betätigt.

"Es ist gut, einen eigenen Raum zu haben, einen Ort, an dem man sich verlieren kann." Immer wieder wird impulsiv verfahren in der Familie Skelf, obsessiv und nicht ganz ordnungsgemäß. Anfangs wird der alte Firmenchef eingeäschert, auf einem Scheiterhaufen, im Garten. Gegen Ende werden, auf der Suche nach verschwundenen Leichen heimlich Gräber geöffnet. Die Kombination der Professionen fördert die Selbsttherapie. Dunkle Materie, dunkle Energie!

Krimikolumne: Doug Johnstone: Eingeäschert. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Polar, Stuttgart 2022. 423 Seiten, 25 Euro.

Doug Johnstone: Eingeäschert. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Polar, Stuttgart 2022. 423 Seiten, 25 Euro.

Die Trickserin

"Als Ehemann warst du furchtbar", sagt Elizabeth zu Douglas, als sie ihn nach sehr langer Zeit wieder aufsucht, "aber Geschichten konntest du schon immer erzählen." Das Geschichtenerzählen gehört gewissermaßen zu seinem Handwerk (das auch das von Elizabeth ist, sie waren beide beim britischen Geheimdienst). Nun hat er, bei einer eher dubiosen Operation, dem Großkriminellen Lomax Diamanten im Wert von 20 Millionen entwendet. Mafia-Klunker!

Die wollen nun verschiedene Leute von ihm (zurück)haben, weshalb Douglas unterzutauchen gedenkt, am liebsten in der Obhut von Elizabeth, im gehobenen Seniorenheim Coopers Chase, wo die mit ihrem jetzigen Mann lebt, dem überhaupt nicht furchtbaren Stephen, der ihr freilich jeden Tag mehr entgleitet wegen seiner Demenz. Wir kennen Coopers Chase aus dem ersten Krimi-Band von Richard Osman, "Der Donnerstagsmordclub", in dem mit cooler Gelassenheit das Leben über 70 absolviert wird. Es gibt eine Menge Eifer und Spaß, wenn Elizabeth und ihre Freunde Ibrahim, Ron und Joyce einen komplexen Fall aufzuklären, mit fiesen Intrigen und Toten.

Elizabeth hat auch als MI5-Rentnerin noch alle Tricks ihres Metiers parat, ihre Schlussfolgerungen sind immer exakt. Und wenn es gilt, ein unbekanntes Haus zu erkunden, hält sie das Messer in ihrer Hand im Obergriff, weil man da kräftiger zustoßen kann. Ihrer Souveränität ebenbürtig ist die erzählerische von Richard Osman, der immer den Ton trifft, lakonisch und liebevoll. Beim Showdown am Ende spielt der treue Bogdan eine wichtige Rolle, der ungemein praktisch veranlagt ist, aber mit Tiefsinn. "Die Menschen lieben den Schlaf, und doch fürchten sie den Tod so sehr. Das war Bogdan schon immer ein Rätsel."

Krimikolumne: Richard Osman: Der Mann, der zweimal starb. Aus dem Englischen von Sabine Roth. List, Berlin 2022. 446 Seiten, 16,99 Euro.

Richard Osman: Der Mann, der zweimal starb. Aus dem Englischen von Sabine Roth. List, Berlin 2022. 446 Seiten, 16,99 Euro.

Der Sucher

Ein Cop quittiert den Dienst, Cal Hooper aus Chicago, nachdem er beinahe auf einer Straße einen Jungen erschossen hätte - der fasste in seine Tasche und Cal deutete diese Bewegung falsch. Also zieht Cal, geschieden, eine Tochter, nach Irland, kauft ein Cottage in dem Dorf Ardnakelty, fängt an, es wieder wohnlich herzurichten. Er bessert die Regenrinnen aus und den Schornstein, streicht die Wände, restauriert einen schönen alten Sekretär. Der Herbst ist feucht und kalt, die Einsamkeit schmerzt und tut doch gut, ums Cottage tummeln sich die Krähen und die Kaninchen.

Krimikolumne: Tana French: Der Sucher. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. S. Fischer, Frankfurt 2021. 496 Seiten, 22 Euro.

Tana French: Der Sucher. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. S. Fischer, Frankfurt 2021. 496 Seiten, 22 Euro.

Cal bleibt auf Distanz so gut es geht, ab und zu lässt er sich im "Seán Óg's" sehen am Stammtisch. Natürlich wissen alle im Dorf, dass er bei der Polizei war, und wundern sich, dass er sich einen Bart stehen lässt - lasst ihn, sagt sein Freund Mart, wenn er wie Chewbacca aussehen will, ist das seine Sache. Dann kommt Trey, 13 Jahre alt, erweist sich als handwerklich ganz geschickt. Cal erwirbt einen Henry Kaliber .22, "die warme Griffigkeit des Walnussschafts ist eine reine Freude für seinen Handteller".

Trey bittet ihn um Hilfe, der Bruder Brendan ist verschwunden. Cal fängt an zu ermitteln, es geht um Drogendeals, Typen aus Dublin und Meth-Küchen. Am Ende steht Cal an einem einsamen Grab in den Bergen und singt das Lied, das er bei der Beerdigung seines Großvaters sang: "I'm a poor wayfaring stranger travelling through this world alone."

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