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Dorothee Elmiger:Erzählen in Sternbildern

Ein Realismus für das 21. Jahrhundert: Dorothee Elmigers Romanessay "Aus der Zuckerfabrik".

Von Insa Wilke

Dorothee Elmiger
2020

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Die Autorin Dorothee Elmiger, 1985 in der Schweiz geboren, steht mit „Aus der Zuckerfabrik“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

(Foto: ©Peter-Andreas Hassiepen)

Die literarische Avantgarde des frühen 21. Jahrhunderts? Man lese den Romanessay "Aus der Zuckerfabrik" der 35jährigen Schweizerin Dorothee Elmiger. Seit vor zehn Jahren ihr Debüt "Einladung an die Waghalsigen" erschienen ist, muss man sich nichts mehr vormachen: Diese Autorin ist für den Erzählterror und die Zumutungen von Cliffhängern und Emotionszwang nicht zu gebrauchen.

Dorothee Elmiger denkt abstrakt und erzählt konkret, dabei ironiefrei, aber nicht humorlos. Wie der Schriftsteller Roman Ehrlich, der neben dem als Theaterautor bekannten Wolfram Lotz von ihr in ihren eigenen Roman geholt wird - alle Anfang der achtziger Jahre geboren und ästhetisch ähnlich eigensinnig - interessiert sie sich eher für die Vorstellungen von der Realität als für das, was umgangssprachlich unter "authentisch" verbucht wird.

In Dorothee Elmigers drittem Buch "Aus der Zuckerfabrik" bedeutet dieses Verhältnis von abstrakt und konkret, dass sie unter der leitenden Metapher des Zuckers und seiner Produktionsprozesse auf die Suche nach dem verschobenen, gebannten Begehren der Frau, des Ökonomen, der Schriftstellerin, des Revolutionsführers macht, und so eigentlich alle gegenwärtigen politischen Reiz-Themen von Sexismus, sozialer Gerechtigkeit bis zur Kontinuität rassistischer Strukturen und kolonialer Denkweise bündelt. Nur, dass Elmiger weder reizt noch gereizt ist. Sie denkt nach und das in eben ganz konkreten Szenen und Bildern, zum Beispiel diesem, vom letzten Auftritt des russischen Tänzers Vaslav Nijnsky am 19. Januar 1919: "Er werde nun den Krieg tanzen, habe er gesagt und tatsächlich so ausgesehen, als tanzte er um sein Leben. Sei dann in den Tagen danach wieder ganz zu seinen Tagebüchern zurückgekehrt."

Die Gegenwart verstehen, das dürfte Elmigers Antrieb sein. Ihre Methode in diesem Fall: die Zeitreise. Dafür versammelt sie Dokumentarfilm-Szenen und Lektüreschätze, Denkbilder und "Denk-Dialoge" wie diesen, mit dem man in ihre Zuckerfabrik eintritt: "So ungefähr: Ich gehe durchs Gestrüpp. Es schilpen auch einige Vögel. / Und dann? / Weiter nichts, es geht einfach immer weiter so. / Es gefällt dir aber, dieses Gestrüpp? / Was soll ich dazu sagen? / Ob es dir gefällt, dieses Gestrüpp, das kannst du doch sagen; was du dir davon erhoffst, was da für dich drinsteckt."

Die Ich-Figur sagt es selber: sie kann ihr Material nicht in eine Erzählung fügen

Ein Gestrüpp aus Zeichen, das imaginative Reisen in die Karibik und nach Australien ermöglicht, auf einen Parkplatz in Philadelphia, ins Kreuzlinger Sanatorium Bellevue. Elmiger düst durch die Jahrhunderte und durch die Bücher von Ursula Le Guin, Max Frisch, Joseph Roth und Marie Luise Kaschnitz. Der Text, der so entsteht, wirkt wie ein Arbeitsjournal, aber eins ohne jour, ohne Zeitleiste. Alles ist Gegenwart, auch die haitianische Revolution von 1791. Alles kreist um ein "instabiles Zentrum" namens Ich oder Jetzt oder Wir. Elmigers Ich-Figur sagt es selbst: Sie ist nicht in der Lage, ihr Material in eine Erzählung zu fügen.

In aller Unordnung erzählt sie aber ganz schön viel: Vom Schicksal des einfachen Arbeiters und späteren Lotto-Königs Werner Bruni, dessen Glücksspiel Elmiger bestechend klug als "das ins Unpolitisch gewendete Hoffen auf Emanzipation" liest und der am Ende wieder zu seinen Leisten beordert wird. Vom Freiheitsdrang der Psychiatrie-Patientin Ellen West und ihrer diagnostischen Zurichtung, vom Anführer der Haitianischen Revolution, Toussaint Louverture, und davon, was ihn mit Heinrich von Kleist, aber auch mit Werner Bruni und Ellen West verbindet oder mit jenem Tänzer Vaslav Nijnsky. Wer "wahre" Geschichten liebt, bekommt in diesem Buch einige der absonderlichsten, und sie gehen einem unter die Haut.

Der Zucker spielt in jeder einzelnen auf irgendeine Weise eine Rolle. Er steht für ein Begehren, das zwar einen abstrakten Überbau bildet, aber von Dorothee Elmiger immer wieder ganz konkret in Szene gesetzt wird. Über den Erfinder des freien Marktes, Adam Smith, zitiert sie aus seiner Biografie, "wie der Ökonom Smith einmal beim Tee, ohne sich überhaupt an den Tisch zu setzen, Zucker um Zucker aus einer Zuckerschale genommen habe, bis die Gastgeberin, eine ältere Dame, sich zuletzt nicht mehr anders zu helfen gewusst habe, als die Schale zu sich, 'auf ihre eigenen Knie', zu nehmen, um den Zucker vor Smiths 'unökonomischen Zugriffen' zu schützen." Auffällig ist, wie sehr und wie offen sich Dorothee Elmiger an der Visualisierungskunst des avancierten Dokumentarfilms orientiert: Hier wird nicht aufgeräumt und sortiert, hier wird gedacht.

"Ich komme da nicht raus": Nicht aus der ewigen Gewaltgeschichte und nicht aus der Sprache

Für das Arrangement ihrer Geschichten und Gedanken bedient sie sich eines Verfahrens der Konstellation, das auf Walter Benjamin zurückgeht und das Zusammenhänge nicht als logische Kausalverbindungen denkt, sondern eher wie Sternbilder. Die Figuration wird erst durch das Auge der Betrachtenden sichtbar, in diesem Fall der evidente Zusammenhang zwischen Ökonomie, Emanzipation und Psychiatrie, zwischen Sklaverei, Misogynie und Klassenkampf, zwischen dem Schreiben und den politischen und sozialen Verhältnissen.

Der Clou ist jetzt, dass dies nicht in der müden Aussage endet: Alles hängt mit allem zusammen. Und das liegt an dieser Form, die eben keine feststehende Ordnung in dem Gestrüpp aus Zeichen suggeriert, das die Erzählerin sich in der Sprache imaginiert. "Mit jedem Gang" durch den Text "scheinen die Dinge in neue Verhältnisse zu treten." Nur deswegen werden sie in ihrer Kontinuität und Omnipräsenz sichtbar, diese immer von einem Begehren geprägten Verhältnisse in der Zuckerfabrik namens "Gesellschaft" oder "Geschichte" oder "Roman".

"Ich komme da nicht raus", schreibt Elmigers Ich-Figur. Nicht aus der ewigen Gewaltgeschichte und nicht aus einer Sprache, die eines Tages bestenfalls noch lächerlich, aber nicht mehr visionär wirken wird. Ein Loch "in die Geschichte" zu schlagen, von diesem Begehren ist "Aus der Zuckerfabrik" getrieben und verschlingt sich am Ende selbst.

Das instabile Konstrukt dieses Romans ist also nichts anderes als der Realismus des 21. Jahrhunderts. Aufklärung, Zivilisation - für die auch der Zucker als Produkt steht - erzählt Dorothee Elmiger in diesem Buch, will man es hart sagen, als eine immer gegenwärtige Geschichte der Vernichtung. Die Form aber, in der sie das tut, stellt die Gegenrede dar.

Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. Hanser Verlag, München 2020, 272 Seiten, 23 Euro.

© SZ vom 19.09.2020

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