Donna Leon zum 80. Geburtstag:Die Virtuosin der Neugier

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Donna Leon zum 80. Geburtstag: Ihr Protagonist ist auch jenem Publikum ans Herz gewachsen, das eigentlich "richtige" Bücher liest: die Bestsellerautorin Donna Leon.

Ihr Protagonist ist auch jenem Publikum ans Herz gewachsen, das eigentlich "richtige" Bücher liest: die Bestsellerautorin Donna Leon.

(Foto: Juan Carlos Hidalgo/picture alliance / dpa)

Donna Leon hat das Bild Venedigs geprägt wie keine andere Schriftstellerin. Jetzt wird die bescheidene Bestsellerautorin aus New Jersey 80 Jahre alt.

Von Kristina Maidt-Zinke

Dass ihr runder Geburtstag ihr ziemlich egal ist, wurde schon vor einigen Tagen medial verbreitet. Wer das Vergnügen hatte, sie näher kennenzulernen, weiß, dass Donna Leon ungern im Mittelpunkt steht. Das hat nicht nur mit ihrer dezidiert demokratischen Weltsicht zu tun, sondern auch damit, dass die Position am Rand, die des diskreten Beobachters, sich ungleich besser zum Sammeln des Materials eignet, das eine Krimiautorin mit jährlichem Output in großen Mengen verbraucht.

Da sie eher klein von Statur ist, ein dezentes Styling bevorzugt und zurückhaltende Umgangsformen pflegt, gelingt ihr dieser Trick auch bei festlichen oder öffentlichen Anlässen immer wieder: sich mit einem Gesprächspartner ihrer Wahl unauffällig in eine stillere Zone zurückzuziehen, ihn oder sie interessiert auszufragen und dabei das übrige Geschehen im Blick und im Ohr zu behalten - eine Meisterin im Zuhören, eine Virtuosin der Neugier mit Argusaugen.

Nicht zuletzt dieser Technik verdankt Donna Leon, die vor 80 Jahren im US-Staat New Jersey geboren wurde und heute abwechselnd in Zürich und in einem Dorf in Graubünden lebt, ihre Karriere als eine der erfolgreichsten Kriminalschriftstellerinnen unserer Zeit. Und dann ist da natürlich Venedig, die Stadt, in der sie gut drei Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte und die als Kulisse für Mordfälle lange ihr Alleinstellungsmerkmal war, nachdem Patricia Highsmith im Jahr 1967 schon eiskalt das Terrain sondiert hatte.

Venedig war damals noch ein Ort, an dem man fast provinzielle Ruhe finden konnte

Wenig später besuchte die studierte Weltenbummlerin und Gelegenheitsjobberin Leon erstmals die Serenissima und schloss die stabilen Freundschaften, die sie um 1980 bewogen, sich dort niederzulassen, nachdem sie als Englischdozentin in Iran, China und Saudi-Arabien einige unangenehme Erfahrungen gemacht hatte.

Venedig, dies zur Erinnerung, war damals noch ein Ort, an dem man fast provinzielle Ruhe und lebendige soziale Strukturen finden konnte; das grandiose Ambiente war eine Beigabe. Der besinnungslose, durch Neoliberalismus und Digitalisierung beförderte Ausverkauf setzte erst später ein. Und Donna Leon wäre nicht die Person, die sie ist, wenn ihr nicht bewusst wäre, dass auch die weltweite Popularität ihrer Bücher zu dem Hype beitrug, dessen zerstörerische Folgen nicht nur sie, sondern Tausende der letzten Venezianer inzwischen aus der Stadt vertrieben haben.

Das war noch nicht abzusehen, als sie, die Anti-Militaristin, zwecks Broterwerb auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Vicenza Literaturkurse gab und abends im Teatro La Fenice ihrer Opernleidenschaft frönte. Die Story ihres Debüts ist Legende: Beim amerikanisch-italienischen Pausengespräch in der Künstlergarderobe wurde über einen eitlen Stardirigenten boshaft gelästert, bis man gar anfing, sich spielerisch Mordmethoden auszudenken.

Brunetti kam auch bei einem Publikum an, das sonst "richtige" Bücher liest

Leon, ohne Fernsehen aufgewachsen, dafür mit Hochliteratur und Kriminalromanen zu gleichen Teilen, wollte die Regeln des Genres spaßeshalber in der Praxis erproben und erfand ihren Commissario Guido Brunetti, nicht ahnend, dass daraus eine lebenslange Verbindung werden sollte. Das "Venezianische Finale", das zunächst in der Schublade verschwand, dann von einem Freund für den japanischen Suntory-Preis eingereicht wurde und prompt gewann, war die Ouvertüre zu der Reihe von mittlerweile 31 Fällen des sanftmütigen, belesenen, familiensinnigen und ethisch anspruchsvollen Ermittlers, der vor allem bei Frauen gut ankam. Und, was seine Schöpferin besonders freut, auch bei einem Publikum, das sonst "richtige" Bücher liest.

Damit meint sie zum Beispiel ihre literarischen Leuchttürme Charles Dickens, Henry James und Jane Austen (über die sie promoviert hätte, wäre nicht die fast fertige Dissertation, damals noch in Papierform, der revolutionsbedingten Flucht aus dem Iran zum Opfer gefallen), und der kategoriale Unterschied zu dem, was sie selbst produziert, ist ihr sehr wichtig.

Ebenso jedoch, dass jedes ihrer Bücher zumindest indirekt eine politische Botschaft transportiert oder sich gesellschaftlichen Missständen widmet, die das aufzuklärende Verbrechen hervorbringen oder begünstigen. Das bedeutet einerseits, dass ihr der Stoff nie ausgehen wird, und andererseits, dass das Ende immer häufiger offenbleibt, weil die wirklichen Schuldigen nicht zu fassen sind.

Die beiden widerstreitenden Seiten ihres Wesens übertragen sich auf Brunetti

In den letzten Jahren waren es zunehmend ökologische Themen, die sie beschäftigten. Sie bekennt, dass sie, obwohl "genetisch zur Fröhlichkeit disponiert", nicht nur in dieser Hinsicht zu einem bitteren, ja zynischen Pessimismus neigt. Die beiden widerstreitenden Seiten ihres Wesens übertragen sich auf Brunetti, dessen Melancholie oft kurz davor ist, in Misanthropie umzuschlagen.

Und die realen Entwicklungen am Schauplatz Italien stellen sowohl seine als auch Donna Leons Liebe zu diesem Land auf immer härtere Proben. Trotzdem gibt es für sie, die nach eigenem Bekunden "ohne jeden Ehrgeiz" erzogen wurde, genug Gründe, unbeirrt weiterzumachen: vom reinen Spaß am Schreiben bis zum konkreten Ertrag, der ihr den mäzenatischen Einsatz für ihr Lieblingsbarockorchester "Il pomo d'oro" und andere gute Zwecke ermöglicht. Freilich auch den einzigen Luxus, den sie sich ohne schlechtes Gewissen erlaubt: die Reisen zu allen wichtigen Opernaufführungen, insbesondere dann, wenn die Musik von Händel stammt.

Dass die deutschen Verfilmungen ihrer Krimis vor einiger Zeit eingestellt wurden (während allerdings die schon gedrehten ad infinitum durch die Programme geistern), ist für sie eher eine Erleichterung, weil sie damit nie glücklich war: Zu viel wurde an den Plots geändert, zu oft wurde Überflüssiges hinzugefügt und die Espresso-Schwärze des Originals (die im Englischen ohnehin stärker hervortritt) zu gesüßtem Latte Macchiato verdünnt. Da dem Autor mit der Vertragsbindung jeder Einfluss auf die Fernsehfassungen entzogen wird, ließ sich das nicht abwenden - und damit auch nicht die Tatsache, dass Donna Leons Werk vielfach eher nach den Filmen als nach den Büchern beurteilt wird, was einigermaßen irreführend sein kann.

Das Ansinnen, ihre Memoiren zu schreiben, hat sie bis jetzt standhaft abgewehrt

Gar nicht zu reden von den Irrwegen, auf die ein Publikum, das zwischen Realität und Fiktion nicht zu unterscheiden vermag, dadurch in Venedig gelockt wird: Unlängst sah sich dort die echte Polizei in der echten Questura gezwungen, einen Zettel auszuhängen, auf dem Besucher in mehreren Sprachen darum gebeten werden, nicht ständig den Betrieb mit Fragen nach Commissario Brunetti und dem übrigen Romanpersonal zu stören. Donna Leon hatte den Text selbst verfasst und mit der ihr eigenen Mischung aus trockenem Ostküsten-Humor und Erfindungslust behauptet, das Ermittlerteam befinde sich leider gerade auf einem Fortbildungskurs am Festland.

Das Ansinnen, ihre Memoiren zu schreiben, hat sie bis jetzt standhaft abgewehrt - vielleicht, weil sie es wenig spannend findet, sich an das Faktische zu halten. Ersatzweise ist als Hommage zum Achtzigsten ein Band mit kurzen autobiografischen Geschichten erschienen. Darin kann man viel über sie erfahren, aber man sollte sich das Körnchen Salz der kreativen Umgestaltung von Tatsachen dabei immer mitdenken, unterscheidet die Autorin doch eigenmächtig zwischen "truth and real truth", Wahrheit und wirklicher Wahrheit. Nicht zu vergessen ihr Motto: "Das meiste Unheil wird von Leuten angerichtet, die glauben, alles zu wissen."

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