Italienische Literatur Das unaussprechliche Wort "Mutter"

Donatella Di Pietrantonio: Arminuta. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Verlag Antje Kunstmann. München 2018. 222 Seiten, 20 Euro.

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Donatella Di Pietrantonios Roman "Arminuta".

Von Maike Albath

Eine Dreizehnjährige findet sich plötzlich in einer armseligen Wohnung wieder und steht einer verhärmten, kurzangebundenen Frau gegenüber, von der es heißt, sie sei ihre Mutter. Sie kennt diese Person nicht. Auch ihre älteren Brüder hat sie noch nie gesehen, ebenso wenig wie die vorwitzige Schwester mit den Zöpfen und den quengelnden kleinen Jungen, den die Mutter auf dem Arm trägt, und schon gar nicht den Vater, der im Nebenraum seinen Mittagsschlaf hält.

Noch am Tag zuvor hatte das Mädchen in einer Stadt am Meer gewohnt und ein behütetes Leben als Einzelkind geführt: Schwimmunterricht, Ballettstunden, üppige Mahlzeiten, Nachmittage am Strand. Nur dass die Eltern, ein Carabiniere und eine Katechismus-Lehrerin, gar nicht die tatsächlichen Eltern der Heranwachsenden waren, sondern lediglich Verwandte, die sie als Neugeborene aufgenommen hatten. Erklärt hatte ihr das nie jemand. Warum sie jetzt, im Sommer 1975, in das Dorf ihrer ersten Familie zurückgebracht wird, weiß sie ebenso wenig. Alle Bindungen sind gekappt, alle Gewissheiten verloren.

"Arminuta" heißt der Roman von Donatella Di Pietrantonio, und er kreist um eine ebenso simple wie schockierende Praxis. In vielköpfigen Familien mit wenig Geld war es zumindest im ländlichen Italien bis in die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein keine Seltenheit, dass vor allem kleine Töchter zu bessergestellten, kinderlosen Angehörigen weggegeben wurden. Der Grund war pure Not - ein hungriges Maul weniger, Bildungschancen für das anderweitig untergebrachte Kind, Wohlstand, der vielleicht auch der ersten Familie zugute kommen könnte. Ob die Betroffenen litten, spielte keine Rolle. Den informellen Adoptivkindern ihre Herkunft zu verschweigen, wie es hier passiert und wegen des identischen Nachnamens auch nicht weiter auffällt, war eher nicht die Regel. Aber darin liegt die Pointe von Donatella Di Pietrantonios ungewöhnlicher Familienaufstellung. Die Erfahrung der Rückgabe, die unweigerlich etwas Archaisches bekommt, weil sich das Mädchen grundlos verstoßen fühlt, bildet den dunklen Kern des schnell getakteten Romans, der in Italien sehr erfolgreich war.

"Arminuta" bedeutet im Dialekt "Die Zurückgekommene" und ist der verächtlich gemeinte Spitzname für die Außenseiterin. Das Sujet, die aufgeladene Mutter-Tochter-Beziehung, das Gefälle zwischen proletarisch-dörflichem und kleinbürgerlich-städtischem Milieu, alles passte zum neuen Interesse an der Sozialgeschichte des Landes. Die Heldin, zugleich die Ich-Erzählerin, entgeht durch den Besuch des Gymnasiums dem vorgezeichneten Weg eines Mädchens vom Lande. Eine ganze Generation teilt diese Erfahrung.

In der italienischen Tradition von Ignazio Silone über Pasolini bis zu Michela Murgia und Paolo Cognetti scheint der Raum des Dorfes häufig als Hort von etwas positiv Ursprünglichem auf. Bei Di Pietrantonio ist davon nur noch ein Rest vorhanden. Ihre Figuren haben sich ihrer bäuerlichen Herkunft längst entfremdet, es gilt ein kruder Materialismus. Immerhin gibt es eine Patentante der Mutter, bei der utopisches Potenzial aufblitzt. Die Autorin, Jahrgang 1962, genauso alt wie ihre Protagonistin und im Brotberuf Zahnärztin, stammt aus den Abruzzen, wo sie auch "Arminuta" ansiedelt. Die Hinweise auf den Schauplatz sind allerdings sehr diskret und lassen sich im Original nur an einigen dialektalen Einsprengseln, typischen Gerichten und einem bestimmten handgewebten Bettüberwurf, der coperata abbruzese, ablesen.

Der Autorin geht es um die typischen Mechanismen des Dorfes. Am interessantesten ist ihre Spielart des Mutter-Tochter-Romans. Beide Mütter besitzen die Härte einer Medea - die erste verzichtet auf ihr sechsmonatiges Kind, die zweite nimmt es als eigenes an und lässt es im Moment der Geschlechtsreife im Stich. Damit fügt Donatella Di Pietrantonio den vielschichtigen Mutter-Figuren der jüngeren italienischen Literatur eine weitere Facette hinzu. Die Sardin Michela Murgia erzählt in "Accabadora" (2010) ebenfalls von einer abgegebenen Tochter, die jedoch mit der Zieh-Mutter zufrieden ist und ihr magische Fähigkeiten zuschreibt. Elena Ferrante entwirft nicht nur in ihrer Tetralogie über die neapolitanischen Freundinnen, sondern auch in ihrem gerade neu übersetzten Debüt von 1992, "Lästige Liebe", markante Mütterfiguren - ruppig, übergriffig, von bedrängender Körperlichkeit und unfähig, die Töchter gelten zu lassen.

Donatella Di Pietrantonio erzeugt durch die Doppelung von leiblicher und sozialer Mutter eine reizvolle Ambivalenz. Die eine wirkt zunächst wie der Inbegriff einer guten Mutter, die Trennung zerstört diese Empfindung. Ebenso stark wie Sehnsucht und Trauer ist der Hass, während gegenüber der neuen, leiblichen Mutter Befremden, Ekel und schließlich Scham herrschen. Die Heldin kann die leibliche Mutter nicht als solche ansprechen - die Anrede bleibt ihr im Hals stecken.

Es gibt manches auszusetzen an "Arminuta". Es kommt zu einer allzu melodramatischen Wendung, ein Todesfall inbegriffen, manche Deutungen werden explizit formuliert, statt sie in der Schwebe zu lassen. Aber die Autorin versteht sich auf Figurenzeichnung. Vor allem die jüngere Schwester Adriana, die eine unverwüstliche Zähigkeit besitzt, ist eine schillernde Gestalt. In seinen besten Momenten erinnert der Roman an die abgründigen Familienkonstellationen, wie sie bei Elsa Morante auftauchen, manchmal blitzt etwas von Ágota Kristófs Sprödigkeit auf. Außerdem entlarvt Di Pietrantonio die Verlogenheit des aufsteigenden, katholischen Kleinbürgertums, das viel erbarmungsloser ist als die einfache Familie auf dem Dorf. Am Ende weiß sich das Mädchen zu wehren - mithilfe ihrer Schwester.

Donatella Di Pietrantonio: Arminuta. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Verlag Antje Kunstmann. München 2018. 222 Seiten, 20 Euro.