Donald Trump und die Mauer:Trump feilscht seit Wochen um die Finanzierung der Mauer

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Die Grenze zwischen Mexiko und den USA erstreckt sich, auf eine Europakarte übertragen, von Paris bis hin zum bulgarischen Warna am Schwarzen Meer. Es gibt unwegsames Gelände wie Canyons, Berge, Wüste und Flüsse. Es wird beim Prototypen-Wettbewerb keinen Sieger geben, das war von vornherein klar. Es kann sein, dass für den kalifornischen Abschnitt die Terrakotta-Variante gewählt wird und für New Mexiko die Käsereibe mit Durchblick. Die US-Regierung hat mehr als 20 Millionen Dollar für diese Tests ausgegeben, die - welch ein Zufall - am Dienstag, am Tag von Trumps Rede zur Lage der Nation, beendet worden sind.

Die offiziellen Ergebnisse sollen erst in ein paar Wochen verkündet werden, doch natürlich sickerte kurz vor Trumps Auftritt öffentlichkeitswirksam durch: Alle haben bestanden! Die CBP-Mitarbeiter haben die Prototypen in den vergangenen Wochen mit Vorschlaghämmern, Flammenwerfern und Spitzhacken bearbeitet, sie haben gebuddelt und sind auf die Mauerstücke geklettert. Und nun sagt ein Beamter, der offiziell mit niemandem reden darf, ganz offensichtlich jedoch mit jedem spricht und stets die gleichen Sätze wiederholt: "Die Dinger funktionieren. Einen Test mussten wir abbrechen, weil ein Kollege, der es nach Dutzenden von Versuchen tatsächlich nach oben geschafft hatte, nicht mehr runtergekommen ist. Wir mussten ihn mit dem Hubsteiger retten."

Es hängt immer alles mit allem zusammen, gerade an so einem Ort. Trump durfte während seiner Rede also noch einmal für den Bau einer "großartigen Mauer" werben. Er will die Sieger höchstselbst küren und deshalb bald an die Pazifikküste reisen. Es wäre sein erster offizieller Auftritt in Kalifornien seit Amtsantritt. Er, der während seiner Rede für eine geeinte Nation und kalifornische Mitarbeit warb, kommt dann eben doch nur deshalb an die Westküste, um Symbole der Trennung zu begutachten.

Die Mauer wäre das teuerste öffentliche Gebäude in der Geschichte der Menschheit

Trump feilscht seit Wochen um die Finanzierung der Mauer, die in seinem Wahlkampf-Weltbild noch immer Mexiko übernehmen soll. Trumps Budget liegt bei 21 Milliarden Dollar, anderen Schätzungen zufolge könnte diese Mauer am Ende auch das Dreifache kosten. Es wäre das teuerste öffentliche Gebäude in der Geschichte der Menschheit. Der Kongress hat bereits 1,8 Milliarden Dollar zur Instandhaltung der bestehenden Mauern und Zäune bewilligt. Es gibt ja schon Grenzanlagen, manche rostig wie hier in Tijuana, manche beinahe futuristisch wie die patrouillierenden Drohnen über dem Rio Grande.

Aber was wird da nun abgeschottet? Gerade an einem Ort wie Tijuana. Wer vom Grenzzaun ein paar Schritte nach hinten macht, der sieht: links die Fabrik eines amerikanischen Unternehmens, das hier ziemlich billig produziert. Dahinter noch eine US-Fabrik. Und noch eine. Und noch eine. Danach: ein amerikanisches Schnellrestaurant. Und noch eins. Und noch eins. Man kann überall in Tijuana, selbst in der schäbigsten Bar, mit amerikanischen Dollars bezahlen. Jeder, wirklich jeder spricht Englisch. Auch das kleine Mädchen, das aus den Favelas kommt und Limonade an die amerikanischen Touristen verkaufen will. Sie hätte dafür gerne einen US-Dollar.

Peralta deutet auf ein Schild, das auf eine Erdgasleitung zwischen Mexiko und den USA hinweist, deshalb also der Gestank: "Die läuft unter uns und unter der Grenze hindurch und wird auch künftig unter einer Mauer hindurchlaufen." Diese Prototypen, die zwei Stunden zuvor so gewaltig und bedrohlich ausgesehen haben, wirken nun klein, ja geradezu lächerlich. "Sie sind Symbole der Segregation an einem Ort, an dem die Leute seit Jahrzehnten Nachbarn und Freunde sind", sagt Peralta: "Tijuana hat mehr mit San Diego gemein als mit Mexico City."

Es gibt inzwischen Petitionen, die Prototypen zu erhalten, egal ob die Mauer gebaut wird oder nicht. Sollte man diese Prototypen also als Konzeptkunst betrachten? Oder als bizarre Architekturausstellung? "Ich weigere mich, das hier als Ausstellung zu sehen, dafür geht es um das Leben zu vieler Menschen", sagt Peralta: "Sie sind ein Symbol für verkorkste politische Ansichten. Sie sollten zu einem Mahnmal werden, zu einem Anlass für eine Debatte über Interaktion."

Letzte Frage: Was würde er dem US-Präsidenten bei dessen Besuch gerne sagen? "Ich würde ihm erklären, dass die Beziehung zwischen San Diego und Tijuana eine Symbiose ist, die durch Abgrenzung und den Bau einer Mauer geschwächt würde. Diese Grenze könnte ein Beispiel für Zusammenleben und Interaktion sein. Ich hoffe, dass er das versteht."

Es hängt immer alles mit allem zusammen. Mexikaner lieben Symbole, das sieht man schon am Grenzübergang ein paar Meilen weiter westlich. Sie wollen einem Kreuze und Marienbilder verkaufen, Gitarren und Rasseln, mexikanische und amerikanische Flaggen. Symbole für Religion, Kultur, Lebensweise. Es könnte sein, dass sie einem in ein paar Jahren Mini-Versionen dieser Prototypen hinhalten. Die Frau ohne Schuhe lächelt, als sie das hört. Sie heißt Rosalia und wohnt seit Jahrzehnten hier. Den Prototypen und ihrem Auftraggeber begegnet sie mit dem, was Donald Trump vielleicht am meisten fürchtet: mit völligem Desinteresse und der Macht des Schweigens.

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