Donald Trump:Schluss mit Schwulenwitzen über Trump und Putin!

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Donald Trump: Ein Graffito in der litauischen Hauptstadt Vilnius zeigt US-Präsident Trump in innigem Kuss mit dem russischen Präsidenten Putin.

Ein Graffito in der litauischen Hauptstadt Vilnius zeigt US-Präsident Trump in innigem Kuss mit dem russischen Präsidenten Putin.

(Foto: AP)

Blowjobs, Bromance und heiße Blicke: Alle Welt erotisiert belustigt Politiker-Kumpeleien. Eine schwule Widerrede.

Kommentar von Jan Kedves

Mächtige Männer unter sich: Ja, da kommt die Fantasie in Wallung. Zum Beispiel Trump und Putin: Sie sitzen mit freien Oberkörpern auf einem Pferd, Trump schwabbelt sich von hinten an Putin ran und knetet ihm die Brustwarzen. Eine Variation des berühmten Fotos von Putin beim Ausritt oben ohne. Oder: Trump krault Putin versonnen das Brusthaar. Oder: Trump und Putin in SM-Lederkluft, Putin hält Trump an der Sklavenkette. Nur drei der unzähligen Trump-Putin-Schwulensex-Montagen und -Memes, die das Internet und die sozialen Netzwerke seit Monaten überschwemmen. Teils sind sie auf T-Shirts gedruckt zu kaufen.

Auch im Fernsehen droht präsidiale Erotik: Als die Macher der amerikanischen Comedy-Sendung "Saturday Night Live" eine Pointe für jenen Sketch brauchten, in dem es um die komplette Hörigkeit des vorletzten Pressesprechers Sean Spicer (gespielt von Melissa McCarthy) gegenüber Trump (Alec Baldwin) ging, ließen sie die beiden Schauspieler innig knutschen. Das Publikum johlte. Nur als der Comedian Stephen Colbert in seiner "Late Show" im Kontext der Russland-Enthüllungen sagte, Trumps Mund sei nur für eines gut, nämlich Putin einen zu blasen, gab es in den USA mal ein bisschen Protest. Die "Queer Voices"-Redaktion der Huffington Post titelte: "Wir müssen endlich aufhören, Schwulenwitze über Trump und Putin zu machen". Recht hatten sie, aber die FCC, die Rundfunk- und Zensur-Behörde der USA, rügte Colbert nicht. Weil er ja eigentlich ein guter Liberaler ist oder weil das Wort "dick" (Schwanz) weggepiept war?

Beim Versuch, sich über Maskulinismus lustig zu machen, landet man häufig dabei, ihn zu verschwulen

So oder so: Witze dieser Art sind nicht nur inflationär, sondern einfach homophob. Per definitionem: Homophobie ist eine soziale, gegen Lesben und Schwule gerichtete Aversion gegenüber ihren Lebensweisen. Also auch: eine Aversion gegen ihre sexuellen Praktiken. Genau diese Aversion - oder die Erinnerung daran, dass sie irgendwann vor gar nicht allzu langer Zeit in großen Teilen der Gesellschaft noch herrschte - kommt in derartigen Witzen zum Tragen, ja, dank ihrer zünden sie erst.

In der Ära Trump, die ja jegliche Satire schon vorwegzunehmen scheint, liegt es wohl nahe, erst mal auf das abzuheben, was offensichtlich ist: dass Trump und Putin Hardcore-Maskulinisten sind. Aber beim Versuch, sich über diesen Maskulinismus lustig zu machen, landet man dann häufig wieder dabei, ihn zu verschwulen, und damit nimmt man in Kauf, Schwulsein zu diffamieren und zu pathologisieren. Trump und Putin teilen manches: Sie sind extrem machtbewusst, herrschsüchtig, rücksichtslos, machistisch und nehmen es weder mit der Wahrheit noch mit der Demokratie sehr genau. Aber sind sie heiß aufeinander? Wohl kaum.

Offenbar stehen Männerfreundschaften längst unter Generalverdacht

Wobei: Viele Schwule lachen mit. Was einigermaßen rätselhaft ist. Und zu einem möglicherweise etwas gewagten Erklärungsversuch führt: Kann es sein, dass viele Schwule - nach den langen Jahrzehnten, in denen die öffentliche Darstellung schwulen Verlangens tabu war - immer noch reflexhaft darauf trainiert sind, es erst mal toll zu finden, wenn irgendwo zwei Männer öffentlich beim Knutschen oder Fummeln zu sehen sind? Egal wer und in welchem Zusammenhang? Womöglich. Inzwischen sollte man zweimal hinsehen, wenn die eigene schwule Sexualität zum Spaß in den Dreck gezogen wird.

Wie krass der Kult um Männlichkeit ist, zeigt sich auch darin, dass es die schwulen Staatsmänner-Witze nicht nur auf Kosten von Schurken wie Putin und Trump gibt. Als sich im Juni Barack Obama und Justin Trudeau in Montreal zum Abendessen trafen, listete BBC News akribisch auf, was auf der Karte ihres "Bromance-Menüs" stand. Als Ende Mai in Italien Justin Trudeau und Emmanuel Macron beim G-7-Gipfel aufeinandertrafen, schrieb der Stern, schon beim ersten Mal habe es "gefunkt". Auch die Süddeutsche Zeitung schrieb zum selben Treffen auf jetzt.de, es sei der "Beginn einer neuen Politiker-Bromance" und dass die Fotos gewirkt hätten, als seien Trudeau und Macron "auf ihrer eigenen Hochzeit".

Schon das Wort "Bromance", dieses in den vergangenen Jahren vor allem in den USA populäre Kofferwort (zu Deutsch: "Brumanze", also: "Bruder-Romanze"), ist im Kern homophob. Eigentlich sollte Bromance das bezeichnen, was eine enge platonische Männerfreundschaft ist. Der neue Begriff wurde jedoch anscheinend gebraucht, weil enge platonische Männerfreundschaften unter Generalverdacht stehen, seitdem sich vor einigen Jahrzehnten im Zusammenwirken von Sexualwissenschaften und Homosexuellen-Emanzipation in den westlichen Gesellschaften eine distinkte Identitätskategorie namens "schwul" herausgebildet hat. Sie hat auf Seiten heterosexuell veranlagter Männer zu einer erheblichen Verkrampfung geführt und aufwendigen Abgrenzungsmanövern.

Ständig müssen heterosexuelle Männer heute offenbar beweisen, dass sie nicht schwul sind. Heute kann - Achtung Bromance! - jeder Handschlag und jedes Lächeln unter Männern erotisiert und sexualisiert werden. Als führe von dort kein Weg mehr zurück in den Schoß der Frau. Das Problem daran ist, dass homosexuelles Begehren dabei lächerlich gemacht wird. Es ist das, was andauernd angedeutet, dann aber gleich wieder ausgeschlossen werden muss - was mittelschwer paranoid wirkt und gar nicht lustig. Die Staatsmänner sollen bitte einfach Staatsmänner sein. Und die Schurken eben Schurken.

Und den Schwulen soll man bitte den schönen schwulen Sex lassen.

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