"Don't Look Up" im Kino und auf Netflix:Hilft ja nix

Lesezeit: 4 min

DON'T LOOK UP

Sie haben einen gefährlichen Kometen entdeckt - und kaum einen interessiert's: Jennifer Lawrence und Leonardo DiCaprio in "Don't Look Up".

(Foto: Niko Tavernise/Netflix)

Sind wir als Spezies zu blöd, uns selbst zu retten? Die Komödie "Don't Look Up" mit Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence.

Von David Steinitz

Die Welt geht unter. Mal wieder. Und wer jetzt gähnt, weil man dieses Szenario von Hollywood schon tausendmal serviert bekommen hat, liegt natürlich nicht ganz falsch.

Zu Beginn des Films "Don't Look Up" entdecken eine Doktorandin (Jennifer Lawrence) und ihr Professor (Leonardo DiCaprio) einen Kometen. Der rast natürlich unaufhaltsam auf die Erde zu und ist natürlich noch viel größer als das Ding, das damals die Dinosaurier pulverisierte. Hat jemand ein Blockbuster-Déjà-vu? "Armageddon". "Deep Impact". Wir wissen Bescheid. Im Zweifelsfall fliegt Bruce Willis hoch und sprengt das Ding halt in die Luft, auch wenn er dabei mitexplodiert. Das war die Kometenproblemlösung der Jahrtausendwende. Im Nachhinein fragt man sich, wie viel Kokain genau die Drehbuchautoren damals von den Filmstudios gestellt bekamen, bevor sie sich an den Computer setzten. Aber gut, das ist noch mal ein anderes Thema.

Denn: "Don't Look Up" ist kein weiterer Katastrophenfilm aus dem alten republikanischen Hollywoodbaukasten. Die Welt hat sich ja um ein paar Egoismus-Schleifen weitergedreht. Heute würde Bruce Willis vermutlich sagen: Fliegt halt selber hoch, wenn euch der Komet nicht passt.

"Don't Look Up" ist ein Spielfilm über die unumstößliche Gewissheit, dass die Menschheit, wenn es hart auf hart kommt, natürlich nicht nur nicht in der Lage ist, sich zu retten - sondern das eigene Ende möglichst noch beschleunigt. Greta Thunberg müsste diesen Film sehr plausibel finden. Man kann es den Machern nicht übel nehmen, dass sie ihr Werk als Komödie verkaufen, in Wahrheit ist es aber vielleicht doch eher eine Tragödie.

Komet? Welcher Komet? Die Demonstranten im Film erinnern an die echten Corona-Leugner

Doktorandin Kate und Professor Randall rechnen aus, dass der Komet in gut sechs Monaten einschlagen und einen Haufen Tsunamis auslösen wird. Überlebenschancen der Spezies Mensch: null.

Im alten Hollywood-Actionkino gab es dann immer diesen schönen Moment, in dem die Hiobsbotschaft in einem Telefonanruf den zuständigen Behörden übermittelt wird, was einen gewaltigen Staatsapparat in Gang setzt, der keine Mühen scheut, die Besten der Besten zu finden, um das Problem zu lösen. Auch in "Don't Look Up" gibt es diesen Anruf. Kate und Randall schlagen sofort bei der Regierung Alarm. Aber es passiert zunächst einmal: gar nichts.

Die Präsidentin der USA, die von Meryl Streep gespielt wird, wie Hilary Clinton aussieht und wie Donald Trump handelt, findet die Nachricht wahnsinnig langweilig. Weil alle Wissenschaftler, die bei ihr vorsprechen, Tag für Tag ständig nur das Ende verkünden. Who cares? Und selbst wenn es den Kometen wirklich gäbe, sagt sie, hätte er ein ganz schlechtes Timing. Weil man kurz vor den Midterm-Wahlen ja nicht den Weltuntergang verkünden könne. Sorry.

DON'T LOOK UP

Weltuntergang? Mir doch wurscht. Meryl Streep als US-Präsidentin, die aussieht wie Hillary Clinton und handelt wie Donald Trump.

(Foto: Niko Tavernise/Netflix)

Der Einzige, der den beiden Provinzwissenschaftlern glaubt, ist der Chef des "Planetary Defense Coordination Office". Diese Behörde gibt es wirklich. Ihr Logo ist ein Mann, der auf einem Turm steht und in der einen Hand einen Speer hält und in der anderen ein Fernglas, mit dem er in die Sterne schaut. Man kann sogar Aufnäher ihres Logos kaufen. Sie könnte aber in der Realität in etwa so einflussreich sein, wie sie im Film porträtiert wird, nämlich gar nicht.

Verzweifelt wenden sich die Kometenpropheten an die Medien. Das bringt aber auch nichts, weil die Zuschauer und Leser und User als Überlebende der Generation Trump längst gelernt haben, wissenschaftliche Fakten nur als eine Strebermeinung von linksradikalen Grünkernpflanzerlfressern zu betrachten. Mit Trump'schem Enthusiasmus gründet sich im Film eine "Don't Look Up"-Bewegung. Tausende demonstrieren auf den Straßen. Schaut nicht nach oben, fordern sie. Es gibt gar keinen Kometen! Ach, Menschheit.

Der Film wurde inszeniert von Regisseur Adam McKay, der seine Karriere mit Komödien wie "Anchorman" begann. In den vergangenen Jahren wurde er zu Hollywoods eifrigstem Vertreter im Genre der Realsatire. Er drehte "The Big Short" über die Finanzkrise 2008 und "Vice" über die diabolischen Machenschaften des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney.

Für seine Filme bekommt Adam McKay so ziemlich jeden Superstar

McKay hat einen markanten Regiestil aus schnellen Dialogen, schnellen Schnitten und freimütiger dramaturgischer Zuspitzung entwickelt, den man fast schon als manisch bezeichnen könnte und den er auch in "Don't Look Up" wieder anwendet. Für seine Filme bekommt er so ziemlich jeden Superstar, den er haben will. Neben Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence und Meryl Streep sind in Gastrollen unter anderem Cate Blanchet, Timothée Chalamet, Ariana Grande und Jonah Hill mit dabei.

"Don't Look Up" ist eine Persiflage auf die Trump-Jahre. Und, wenn auch zufällig, weil das zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht absehbar war, auf den Umgang der Menschen mit Corona. Die Virusverneiner erinnern in ihrem Furor sehr an die Kometenleugner, weshalb es sich um den perfekten Film für und über diesen Pandemiewinter handelt.

DON'T LOOK UP

Mathematik? Astronomie? Physik? Diese Gesetze gelten nichts mehr in der Öffentlichkeit. Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence in "Don't Look Up".

(Foto: Niko Tavernise/Netflix)

Das führt zu dem merkwürdigen Effekt, dass die meisten Witze gar nicht mehr so witzig, sondern eher tragisch sind, weil die Realität mit der Fiktion mindestens schon gleichgezogen hat. In der Mitte des Films taucht ein Tech-Guru auf, der den Kometen als ideale Rohstoffquelle für die Smartphone-Produktion identifiziert. Weshalb er ihn vor dem Aufschlag zertrümmern und dann die Restbrocken auswerten will, selbst wenn dabei ein paar unwichtige Länder wie Chile im Meer absaufen. Es gibt im Silicon Valley nicht nur einen Größenwahnsinnigen, dem man so ein Projekt auch in echt zutrauen würde.

Ist also alles zu spät? Sind die Menschen solche Trottel, dass sie nichts anderes als einen todbringenden Kometen verdient haben, über dessen Existenz sie streiten, bis ihnen der Himmel auf den Kopf fällt? Der Film hat darauf eine recht eindeutige Antwort.

Don't Look Up, USA 2021 - Regie, Buch: Adam McKay. Kamera: Linus Sandgren. Mit: Jennifer Lawrence, Leonardo DiCaprio, Meryl Streep. Netflix, 138 Minuten. Kinostart: 9.12. Streamingstart: 24.12.

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