Don DeLillos 9/11-Roman Analyse als Andacht

Den 11. September in Worte fassen: Don DeLillo verweigert in "Falling Man" die historisch-politische Moral und verliert sich naiv und weltfremd im Detail.

Von Jörg Häntzschel

Die Spezialität des Schriftstellers Don DeLillo ist das Verweben des Politischen und des Privaten, des Medialen und des Intimen. In "Libra" umkreist er das Kennedy-Attentat, in "Mao II" religiös motivierten Terrorismus. Doch im Gegensatz zum Historiker richtet er seinen Blick immer von unten auf ein Ereignis.

Die brennenden Trümmer des World Trade Centers

(Foto: Foto: AFP)

Nirgends gelang ihm das auf so atemberaubende Weise wie in "Underworld" (1998), wo er den Leser eine ganze Epoche durchleben lässt, die des Kalten Kriegs in Amerika. Alles was gedacht wurde und hätte gedacht werden können, alles was tatsächlich geschah, scheint darin enthalten, nur schärfer und plastischer. Wer das Buch las, verstand sofort: Das ist Literatur, deshalb gibt es sie.

Die Welt in der Straße

Wie aber würde DeLillo mit einem Ereignis wie dem 11. September umgehen, fragte man sich. Einem Ereignis, das schon im Moment seines Geschehens bis in die letzte Ambivalenz medial ausgeleuchtet war, das zugleich trotz seiner Ikonenhaftigkeit gegenüber dem verblasst, was aus ihm folgte? Die größte Überraschung seines neuen Romans "Falling Man", der vergangene Woche in den USA erschien, besteht darin, dass DeLillo diese beiden Schwierigkeiten einfach ignoriert (Don DeLillo: Falling Man, Scribner, New York. 246 Seiten, 26 Dollar).

Sechs Jahre nach dem 11. September beschreibt er das Ereignis, als sei es nie zuvor beschrieben worden. Und er beschreibt es, als sei seitdem die Geschichte stehengeblieben: Er legt es unter das Mikroskop wie einen Kristall, wie etwas hartes, abgeschlossenes, etwas das man in Ruhe durchleuchten kann.

"Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, eine Zeit und ein Raum von fallender Asche und beinaher Nacht." Im ersten Satz scheint DeLillo - völlig angemessen - ein globales Panorama aufzuziehen. Doch das ist ein Missverständnis. Schon im nächsten Satz ist seine Welt zur Straße geschrumpft - und schrumpft immer weiter.

Wie reduziert und spröde diese Welt ist, wird erst wirklich deutlich, als er am Sonntag bei einer Veranstaltung in New York aus seinem Roman liest: ein überraschend alt und steif wirkender Mann mit einer unscharfen Aussprache, die in merkwürdigem Kontrast zur Genauigkeit seiner Sprache steht.

Sturz in die Bedeutungslosigkeit

Jeder in New York hat seine 9/11-Geschichte, so auch Keith, der den Türmen kurz vor deren Einsturz entronnen ist. Leicht verletzt kehrt er zu seiner Frau, seinem Kind und einer Intimität unter Vorbehalt zurück, die er Jahre zuvor verlassen hat. Er ist ein unzuverlässiger Typ, nun doppelt haltlos, weil zwei seiner Pokerfreunde ums Leben gekommen sind. Keiths Frau Lianne hatte sich in einer befriedigenden Routine mit ihrem Sohn Justin eingerichtet. Etwas Glanz erhielt diese Existenz durch die Besuche ihrer kunstsinnigen Mutter und deren Liebhaber, einen deutschen Kunsthändler.