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Sachbuch zur Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang:Jagd auf Worte

Das Mädchen

Márta Mészáros Film "Das Mädchen" entstand im Ungarn des Jahres 1968. Für Lisa Gotto und Dominik Graf ist Freiheit darin zu spüren.

(Foto: Verleih)

Lisa Gotto und Dominik Graf haben das Buch "Kino unter Druck" geschrieben, über den Zusammenhang von Ideologie, Geld und Zensur.

Von Fritz Göttler

Dieses Buch ist Erinnerungsarbeit, ein Versuch, Vergessenes und Verdrängtes zurückzuholen - fast ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte des einst sozialistischen Osteuropa. Lisa Gotto kümmert sich um Věra Chytilová und Judit Elek und Márta Mészáros, deren Filme "Von etwas anderem", ČSSR 1963, oder "Sommer der Leidenschaft", Ungarn 1984, oder "Das Mädchen", Ungarn 1968. Dominik Graf preist den polnischen Filmemacher Andrzej Wajda, von "Lotna", 1959, bis "Katyn", 2007, oder "Der Kalmus", 2009. Die Filme sind liebevoll beschrieben, mit sachtem Enthusiasmus, Filme, die einst zum Kanon des modernen Kinos gehörten, sie liefen auf den internationalen Festivals, wo ihre ästhetische Frische faszinierte, und wurden bei uns in ARD und ZDF gezeigt.

Es ist nicht nur historisches Interesse, das die Wiener Filmwissenschaftlerin und Deutschlands produktivsten und kühnsten Filmemacher zu diesem Buch bewegte, sie grübeln in einem Gedankenaustausch über die Dialektik von Zensur und Kreativität - dass diese modernen Filme entstanden in einem totalitären ideologischen System, das die Filmproduktion staatlich reglementierte. "Unser Kino", sagt Andrzej Wajda, "war in den Zeiten des Kommunismus ein Versuch der Kommunikation mit dem Publikum über die Köpfe der Machthaber hinweg ... Die Zensur jagt die Worte, aber das Kino spricht mit Bildern." Und natürlich konnte Provokantes toleriert werden, wenn es sich auf den Festivals in internationalem Erfolg auszahlte.

Ein Film wie Tarkowskis legendärer "Andrej Rubljow" wurde verboten, aber: er konnte gedreht werden, erklärt Regisseur Andrej Kontschalowski, in Hollywood hätte es gar kein Geld dafür gegeben - Zensur durch Geld wirke stärker als Zensur durch Ideologie. Dominik Graf formuliert das für die deutsche Produktionswirklichkeit, die er aus zahlreichen Debatten und Kämpfen sehr gut kennt. "Wajda traute dem Publikum etwas zu. Unsere Gremien-Förder-Kinokultur basiert darauf, dem Publikum wenig zuzutrauen, es bloß nicht zu überfordern. Kinematographische Vielstimmigkeiten von Sequenzen gelten (auch dem Publikum) als verwirrend: Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten auch in privaten Konstellationen, z. B. in Gender-Problemen der Filme, werden den Machern sogar gefährlich. Das Publikum ist selbst zum Zensor geworden, es ist konditioniert auf ein Kino der Eindeutigkeit. Es ,cancelt', was ihm nicht sofort einsichtig scheint." Eine Spirale der internalisierten (Selbst-)Zensur.

"Staatskino" hat Klaus Lemke das deutsche Filmfördersystem genannt, für Dominik Graf verkörpert er das unabhängige, kleine, schmutzige - das wahre Kino. Die Begeisterung für dieses - und für Begriffe wie Autorenfilm oder cineastisch - ist inzwischen selbst historisch geworden. Man liest trotzdem gern noch mal die Geschichte des unberechenbaren Zbyněk Brynych, geboren in Karlsbad, der mit diversen Folgen die urdeutschen Serien "Der Kommissar" und "Derrick" aufmischte.

Lisa Gotto, Dominik Graf: Kino unter Druck. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang. Alexander-Verlag, Berlin 2021. 159 Seiten, 16,90 Euro.

© SZ/kni
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