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Domenico Starnones Roman "Im Vertrauen":Männer in Momenten der Wahrheit

Domenico Starnone

(Foto: mauritius images/MARKA/Alamy)

Der italienische Journalist und Schriftsteller Domenico Starnone erzählt in knappen Alterswerken, wie über arrivierten Kulturbürgern ihre Lebenslügen zusammenbrechen. Auch in dem Roman "Im Vertrauen".

Von Maike Albath

Das eigene Ich ähnelt einem glitschigen Stück Seife - kaum hat man es gegriffen, flutscht es schon wieder weg. Pietro Vella ist ein älterer Herr von beinahe achtzig, als er auf sein Leben zurückschaut und versucht, diesem unsteten Gebilde auf die Spur zu kommen. Er legt Zeugnis ab, offen, ungeschützt, ohne sich zu schonen. Liebschaften, seine Ehe, sein gewinnendes Wesen, der Erfolg, sein Talent als Redner, alles kommt auf den Prüfstand. Wie klug und kultiviert er ist, geübt in der Kunst der subtilen Ironie und der Selbstreflexion, merkt man allerdings beim ersten Zungenschlag. Der Satzbau ist elegant gestaffelt, die Ausdrucksweise geschliffen. Alles an ihm scheint wohltemperiert, imprägniert von Literatur, ohne je aufdringlich oder peinlich zu wirken. Nur ganz diskret schleicht sich - bei aller Ehrlichkeit - ein gewisses Ausmaß an Selbstgenuss ein.

Es ist diese männliche Stimme, von Martin Hallmannsecker in ein wunderbar beiläufiges deutsches Parlando übersetzt, der Domenico Starnone in seinem perfekt komponierten Roman "Im Vertrauen" als Erstes das Wort erteilt. Zwei weitere folgen, beide weiblich, beide von einer anderen Färbung. Starnone, 1943 in Neapel geboren, ist seit Jahrzehnten in Rom zu Hause, Urheber eines eindrucksvollen Werks, das mehrere Sparten umfasst. Seine Karriere begann er als Lehrer, bis er es mit Büchern über die Schule zu landesweiter Berühmtheit brachte und nach einer Weile seinen ersten Beruf an den Nagel hängte. Er wurde Feuilletonredakteur bei der linken Tageszeitung Il manifesto und schrieb später für verschiedene Blätter; bis heute hat er eine Kolumne in der Wochenzeitschrift Internazionale. Erfolgreiche Verfilmungen seiner Schulgeschichten führten dazu, dass er etliche Drehbücher verfasste, parallel dazu entstanden über ein Dutzend weitere Romane, darunter das mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnete neapolitanische Kindheitspanorama "Via Gemito" (2001).

Der Pakt: Jeder gesteht dem anderen ein Geheimnis, das sonst niemand kennt

"Im Vertrauen" heißt sein neuer schmaler Band, der so etwas wie die Variation eines Themas darstellt, das schon die vorangegangenen beiden Bücher bestimmte: eine perfekte Fassade im Widerstreit mit dem, was im Inneren wütet, Lebenslügen und Selbsttäuschungen. Man kann die drei Kurzromane als funkelndes Altersresümee betrachten. In dem ebenfalls glänzend konstruierten Ehe-Drama mit dem vieldeutigen Titel "Lacci" (2014), also "Bänder", "Schlingen", "Schnürsenkel" oder "Bindungen" - auf Deutsch verfälschend "Auf immer verbunden" (2018) tituliert und leider untergegangen -, und in "Scherzetto" (2016), "Scherz", tauchen miteinander verwandte männliche Helden auf, die allesamt auf brutale Weise mit ihren Unzulänglichkeiten konfrontiert werden. Wie Kartenhäuser brechen ihre mühsam kalibrierten bürgerlichen Existenzen zusammen, und darunter kommen schwächliche Männer mit einer Neigung zu unkontrollierten Ausbrüchen zum Vorschein, die nicht einmal einem vierjährigen Enkel gewachsen sind. Einen Moment der Wahrheit scheinen Starnones Figuren immer dann zu erreichen, wenn starke Gefühle im Spiel sind.

Nun also Pietro Vella, der einige Eckdaten vom Alter über die Herkunft bis zum Lehrerberuf mit seinem Erfinder teilt. Er spricht gleich auf der ersten Seite von der Liebe als "einem Lavastrom aus rohem Leben". Für ihn handelt es sich offenkundig um etwas Archaisches, das sämtliche zivilisatorische Errungenschaften zu verschlingen droht. So erging es ihm zumindest mit Teresa, seiner Freundin mit Anfang dreißig. Die hochbegabte Naturwissenschaftlerin war früher seine Schülerin gewesen und hatte als Erwachsene seine Nähe offensiv gesucht. Weil sich das Paar drei Jahre lang regelmäßig an den Rand des Wahnsinns trieb, schlug Teresa eines Tages einen Pakt vor, der sie für immer aneinanderbinden würde: Jeder sollte dem anderen das furchtbarste Geheimnis gestehen, das sonst niemand kennt. Kurze Zeit später endete die Beziehung. Pietro heiratete seine Kollegin Nadia, eine sanfte Mathematiklehrerin, und gründete eine Familie. Mehr zum Zeitvertreib hatte er einen Essay für eine Zeitschrift über die Ungerechtigkeit des Schulsystems geschrieben, ein Verlag bot ihm einen Vertrag an, das Ganze wurde ein exorbitanter Erfolg, und Pietro stieg zu einer Persönlichkeit des intellektuellen Italiens auf. Just in diesem Moment erinnerte er sich an Teresa und ihre Verbindung durch die unsagbaren Geheimnisse, und ihn packte eine alte Angst: Wenn sie es nun verraten und ihn vor allen bloßstellen würde?

Domenico Starnone, Im Vertrauen. Aus dem Italienischen übersetzt von Martin Hallmannsecker. Wagenbach, Berlin 2021. 168 Seiten, 20 Euro.

Dieses Geheimnis, über das der Leser unweigerlich zu spekulieren beginnt, ist so etwas wie das dunkle Herz des Romans und zugleich der Motor der Geschichte. "Im Vertrauen" ist aufgebaut wie ein Rondo, wobei der zweite und dritte Teil deutlich knapper gefasst sind. Im ersten Teil entsprechen die perfekte Form und die stilistische Konzentration dem domestizierten Zustand Pietros, und die Ironie an der Sache ist, dass Teresa ihm zu diesem Gleichmaß verhilft. Sie arbeitet längst in den USA, antwortet nur knapp auf Pietros Briefe, einmal taucht sie bei einer Veranstaltung in Mailand auf und hat ihn im Handumdrehen durchschaut. Teresa schlägt ihm, so erzählt es Pietro, eine "Moral-Ehe" vor, mit der sie ihre Destruktivität in Schach halten können - wer betrügt, darf geahndet werden. Auf einer zweiten Ebene diskutiert Domenico Starnone also, was das Wesen der Menschen ausmacht: nicht ihr Verhalten, sondern ihre geheimen Fantasien. Sein Held weiß, dass im Untergrund zerstörerische Triebe walten. Endgültig verleugnen, wie es in modernen Gesellschaften verlangt wird, kann er sie nicht. Die humanistischen Werte, die er öffentlichkeitswirksam vertritt, sind nur ein Teil der Wahrheit. Die Autonomie des Ichs ist eine Chimäre.

Aber es wäre untypisch für Domenico Starnone, wenn er die narrative Konstruktion nicht noch einmal komplett auf den Kopf stellen würde. Im zweiten Teil ergreift Pietros älteste Tochter Emma das Wort, inzwischen selbst Journalistin, die zwei Ehen zerschlissen hat, Mutter von vier Kindern ist. Ihr Ton ist nüchtern, aber selbstgewiss, die Sprache kolloquialer. Sie vergöttert ihren Vater und will ihm einen Preis des Staatspräsidenten für sein Lebenswerk verschaffen, was gelingt. Ihr Blick verrät uns, wie erfolgreich Pietro mit seiner Selbstinszenierung war, die eigene Tochter ging ihm auf den Leim. Dass ihre privaten Nöte das Symptom für die Verlogenheit des Vaters sein könnten, kommt ihr nicht in den Sinn. Und im dritten Teil ist schließlich Teresa selbst an der Reihe - der Effekt ist eine erneute Schubumkehr. Das widerständige Temperament der Exfreundin, mittlerweile ebenfalls beinahe siebzig, blitzt auf. Beklemmung macht sich breit, jedes erzählende Ich entpuppt sich als unzuverlässig. Es ist ein Spiel mit lauter Matroschkas, denn Teresa hat Pietros Lebensbeichte gelesen, kennt also das, was wir selbst gerade gelesen haben. Sie hat einiges zu beanstanden, und der Versuch, wahrhaftig zu sein, sei ohnehin überflüssig, denn schließlich habe ihr Pietro schon in der Schule beigebracht: "Erzählen heißt immer lügen, und wer am besten lügt, erzählt am besten." Für Domenico Starnone gilt das seit Langem.

© SZ/masc
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