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Dokuporträt "Nothingwood":Der Mann, der für das Kino blutet

Nothingwood

Mit viel Charisma und Leidenschaft stemmt Salim Shaheen den afghanischen Film fast im Alleingang.

(Foto: Pyramide Distribution)

Besetztes Land, Bürgerkrieg, das alles stört ihn wenig, im Gegenteil: Der afghanische Regisseur Salim Shaheen ist einer der produktivsten seiner Zunft - und einer der wahnsinnigsten.

Willkommen am Set des größten Regisseurs Afghanistans. Die Szene spielt in der Zeit der sowjetischen Besatzung, an einer Militärbaracke im afghanischen Hinterland. Der junge Shaheen, von den Russen als Wachmann zwangseingezogen, wird gerade von einem Kollegen abgelöst. Kaum ist er im Haus, tauchen feindliche Mudschaheddin auf und schießen auf die Wachhabenden. Die Geräusche ihrer Kalaschnikows imitieren sie selbst: "Ba ba ba!". Die getroffenen Soldaten legen sich mehr in den Sand als dass sie fallen. Als Shaheen aus dem Haus kommt, sind seine Kameraden samt und sonders niedergemäht. In seiner Not versteckt er sich zwischen den Körpern, an denen das helle Blut eines Huhns glänzt. Die Crew hat es kurz zuvor eigenhändig geschlachtet, ein "Märtyrertod für das Kino".

Der junge Soldat überlebt den Angriff. Es ist die wahre Lebensgeschichte des Regisseurs, die hier erzählt wird. "Cut! Ich verhungere", brüllt der erwachsene Shaheen, ein energischer Mann, dem die Jahre in den Bauch gewandert sind. Bevor es zum Essen geht, holt er sich seinen zum Ritual gewordenen Applaus von den Schaulustigen ab.

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Das ist Salim Shaheen, ein Superstar im von Krieg und Armut gebeutelten Afghanistan. Er spricht ausschließlich Paschtu, keinen Satz Englisch, und schätzt sein Alter auf knapp über 50. So genau wisse er das nicht. Sonia Kronlund, französische Dokumentarfilmerin, hat den Regisseur, der ein ganzes Land unterhält, für eine Dokumentation begleitet. Terror, Krieg und Menschenleid hat Kronlund bereits in etlichen Beiträgen zu Afghanistan eingefangen. Dennoch erschien ihr das Bild des Landes unvollständig: "Die Menschen lachen trotz allem", sagt sie in ihrer Doku. "Da ist etwas, was ich übersehe." Und so gerät sie an einen Mann, der an Wahnwitz und Energie schwer zu überbieten ist. Bei ihrem ersten Treffen dreht Shaheen an vier Filmen gleichzeitig. Darunter sind auch Szenen aus seinem eigenen Leben, denen Kronlund für ihr Porträt beiwohnen darf. Wie passend.

Was kommt nach Hollywood, Bollywood und dem nigerianischen Nollywood? Shaheen stellt die Frage vor Kronlunds Kamera - und beantwortet sie selbst: Richtig, nichts! Und diese Leerstelle habe er ausgefüllt. "Nothingwood" nennt er sein überschaubares Imperium folgerichtig, und so heißt auch Kronlands Doku.

Ihr Protagonist, das kann man ohne größere Übertreibung sagen, trägt nicht nur die afghanische Filmindustrie, er ist der afghanische Film. 110 Werke hat er in den vergangenen 30 Jahren gedreht. Im Schnitt fast vier pro Jahr. Unermüdlich. Fast wie eine Maschine. Nicht alle haben überlebt. Manche sind den Taliban zum Opfer gefallen, die Filme kategorisch verdammen. Andere sind einfach so verloren gegangen.

Shaheen ist außerdem auch sein eigener Produktionsstab: Regisseur, Hauptdarsteller und Cutter - alles in seiner Person. Nur das Drehbuch überlässt er einem Freund. Lesen und Schreiben hat er nämlich nie wirklich gelernt.

Kein sehr großes Problem: Auf die Tiefe der Dialoge kommt es in seinem Werk eher nicht an. Shaheen produziert vor allem Action und Unterhaltung, zusammenmontiert zu wunderbarem Trash. Seine großen Idole in Hollywood sind Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone. Deren Vorbildwirkung gebiert teils fünfstündige Streifen, die nach Schwarzenegger mit weniger Budget und Chuck Norris mit weniger Kampfsport aussehen - beides mit ganz viel Bud Spencer.

Und beides unter - vorsichtig formuliert - sehr eigenen Bedingungen: Die weiblichen Parts, etwa die Mutter des Protagonisten, die Geliebte oder Ehefrau, spielt meistens der androgyne Co-Star Shaheens, Qurban Ali Afzali. Das erinnert an das klassische Shakespeare-Theater, bei dem Knaben in die Kleider Ophelias und Julias schlüpften, ist hier aber aus der Not geboren: An vielen Drehorten dürfen Frauen sich nicht aufhalten.