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Dokumentation:Kurze Röcke, elegante Bärte

Die Doku "Iraqi Odyssey" ist das wunderbare und einfühlsame Porträt eines von Kriegen und Revolutionen gebeutelten Landes am Beispiel einer Familiengeschichte.

Von Sonja Zekri

Die faszinierendste Figur, diejenige, der man unbedingt zuhören möchte, die man auf Vortragsreise zu den UN oder mindestens in den Bundestag schicken möchte, sagt in diesem Film kein Wort. Ahmed Jamal Adin, der Großvater des Regisseurs Samir in dem wunderbaren Dokumentarfilm "Iraqy Odyssey", starb in den Siebzigern. Man sieht ihn nur in Filmen und auf alten Bildern, aber dort ist er ein Mann wie aus einer Werbebroschüre für das Patriarchat: breit und träge wie ein Braunbär nach dem Winterschlaf, weltoffen, unbestechlich. Er arbeitete als Richter, weil er sich nicht kaufen ließ, musste die Familie oft umziehen, und jedes Mal ließ er zwei Laster packen, einen für den Hausrat und einen für seine Bibliothek. Verzweifelt versuchte er, seine Familie durch die politischen Wirren zu führen. Selbstverständlich ging er davon aus, dass seine Töchter studieren.

Auf den alten Aufnahmen tragen die Frauen kurze Röcke und die Männer elegante Schnurbärte. Ihre Gesichter leuchten, es sind glückliche Zeiten, vor allem, weil das Beste vor ihnen liegt: der Sturz der Monarchie, das Ende des britischen Einflusses. Gerechtigkeit, Freiheit - so vieles war möglich. Und so wenig erfüllte sich.

Samirs Film ist politische Chronik und Porträt seiner außergewöhnlichen und doch wieder modellhaften Familie, ein gemischter Clan aus Sunniten und Schiiten, der stellvertretend für ein ganzes Volk das bewegte, oft tragische Schicksal seines Landes durchlebt. Am Ende ist die Familie in alle Winde zerstreut. Samir selbst wuchs in der Schweiz auf. Es sind Stationen einer Irrfahrt über den ganzen Globus, die gleichzeitig Einsichten über Fluchtursachen und Rückkehrbereitschaft von Flüchtlingen bietet: Alle Interviewpartner hängen leidenschaftlich an ihrer Heimat. Alle wurden bedroht und schikaniert, weil sie sich den Kommunisten angeschlossen hatten, aber sich Saddams Baath-Partei durchsetzte, weil sie den falschen Glauben, die falsche Ideologie, den falschen Beruf hatten.

Samir, der Enkel und Filmemacher, lässt seine ziemlich großartige Verwandtschaft ausführlich zu Wort kommen. Dass dem Zuschauer bei dieser Achterbahnfahrt aus Putschen, Revolutionen und Kriegen ein wenig schwindelig wird, dass er gelegentlich den Überblick über Tanten, Onkel, erste und zweite Frauen verliert, ist gar nicht schlimm: Den Menschen im Irak ging es schließlich auch nicht anders, zumindest politisch.

Die entscheidenden Momente erklären sich ohnehin von selbst. Saddam Husseins Auftritt auf einem Baath-Kongress etwa, nachdem er die Macht an sich gerissen hat. Wie er auf der Bühne ruhig und genießerisch den Kampf gegen Verräter ankündigt, sich eine Zigarette ansteckt, die Namen der Verdammten vorliest und verlangt, dass diese ein Hoch auf die Partei rufen sollen und dann hinausgeführt werden, wo sie umgehend erschossen wurden; wie die Teilnehmer applaudieren und hysterische Huldigungen ausstoßen - "Saddam Hussein ist das Zelt der arabischen Nation!" -, das lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Und doch, und das ist der Zauber dieses kleinen, feinen Films, bleiben am Ende nicht die Tyrannen im Gedächtnis, sondern der kluge Witz und unerschütterliche Humanismus einer außergewöhnlichen Familie. Der Irak mag gerade nicht sehr stabil aussehen - die Iraker aber sind unzerstörbar.

Iraqi Odyssey, Irak/Schweiz/Deutschland 2015 - Regie: Samir. Kamera: Yuri Burak, Pierre Mennel. NFP, 162 Minuten.

© SZ vom 14.01.2016
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