Süddeutsche Zeitung

Dokumentation:Christoph Schlingensief

"Chance 2000" zeigt, wie witzig und klug der verstorbene Theateraktivist in den Wahlkampf 1998 eingriff. Einer wie er wäre heute nötiger denn je.

Es ist Wahlkampf und niemanden interessiert es. Nicht mal die Parteien haben Lust auf eine handfeste politische Auseinandersetzung. Zumindest die großen nicht. Viel zu anstrengend. Dabei gäbe es so viel zu streiten, und es müsste um jede Stimme gekämpft werden, die sonst an die AfD fällt. Der Einzige, der jetzt noch helfen könnte, wäre der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief. Genau jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für den Theatermacher und Aktionskünstler, sich superheldenhaft die abgewetzte Jeansjacke überzuwerfen, das Megafon zu schnappen, vor die Ein-Euro-Shops dieser Republik zu ziehen und den Menschen mit ihren Tüten voller Plastikzeug und der Candy-Crush-Saga auf den Smartphones das Zombiehafte auszutreiben, einen Aufstand anzuzetteln, der sich gewaschen hat.

So wie er es in der gerade erschienenen Dokumentation "Chance 2000" mit seinem großartigen Theaterprojekt zum Wahlkampf 1998 getan hat, als er mit der Gründung einer Partei für die gesellschaftlichen Verlierer alles daran setzte, die Wiederwahl von Helmut Kohl zu verhindern, und gleichzeitig auch an Gerhard Schröder kein gutes Haar ließ. Schlingensief war davon überzeugt, dass die Minderheiten die Mehrheit haben, sich ihrer Handlungsmacht nur bewusst werden müssen, um eine für sie lebenswertere Bundesrepublik zu kreieren. "Jeder ist ein kleines Volk", sagt er im Film auf einer Berliner Arbeitslosendemonstration. Wenn man sich die Doku des Kunstprojekts anguckt, denkt man dabei zwangsläufig an die heutige Situation, an besorgte Bürger, Pegidaleute, die vor der Dresdner Frauenkirche zusammenkommen und mit "Wir sind das Volk" die DDR-Montagsdemonstrationen entweihen.

Dem Rechtsruck hätte Schlingensief etwas Menschliches entgegengesetzt: Jeder ist ein Volk, jeder ist wichtig. Der Langzeitarbeitslose, die Frau mit Behinderung, der Geflüchtete. Seine Version des Widerstands war eine in allen Formen und Farben schillernde Utopie, in der sich die Abgehängten nicht gegeneinander ausspielen sollten, sondern miteinander verbünden. Schlingensief und sein Idealismus, das fehlt heute.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3659078
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 09.09.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.