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Dokumentartheater:Stationen der Verdrängung

Kein Kläger

Die futuristisch gekleideten Schauspieler führen die Zuschauer kreuz und quer durch die Stadt - auch per U-Bahn. An verschiedenen Stationen berichten sie von Nachkriegskarrieren von NS-Richtern, von fast vergessenen Opfern und verpassten Chancen, eine Art Gerechtigkeit herzustellen.

(Foto: Verena Kathrein)

Die Performance "Kein Kläger" führt Zuschauer an Orte rechter Gewalt

Die Spuren des Rechtsextremismus sind überall. Man kann entsprechende Orte in München begehen, es ist ein eher dichtes Netz, zu dem sie sich dann zusammenfügen. Regisseurin Christiane Mudra führt bei ihrem dokumentarisch-theatralen Projekt "Kein Kläger" auf inhaltlicher und tatsächlicher Ebene zu einigen dieser Orte. Ihr ambitioniertes Ansinnen ist, die deutsche Justiz auf ihre Haltung zu Rechtsextremismus zu untersuchen, vor allem nach 1945. Die darunterliegenden Thesen: Richter ließen und lassen zu viel Nachsicht walten, Bürger verdrängten und verdrängen, Dinge werden nicht beim Namen genannt, Erinnerungskultur ist oft nur schöner Schein.

So beginnt der dreistündige Stadtspaziergang auf dem Dach des OEZ, wo 2016 ein Mann neun Menschen erschoss. Bis heute wird die Tat "Amoklauf" genannt. Der Begriff, klagen fünf Schauspieler an, er suggeriere die Einzeltat eines Durchgeknallten, statt zu benennen, was es war: ein rassistisch motiviertes Morden. In ungeheurem Umfang hat Mudra recherchiert, zu Nachkriegskarrieren von NS-Juristen, zum Versagen der Justiz in der Verurteilung von Kriegsverbrechern sowie den Versäumnissen vor und beim NSU-Prozess. Sie sprach mit Angehörigen von Euthanasieopfern und Widerstandskämpfern. Entstanden ist ein beeindruckendes Archiv deutscher Justizgeschichte, digital abzurufen auf investigativetheater.com.

Als Kunstwerk betrachtet ist das Projekt hoffnungslos überladen und in seiner Form als theatraler Stadtspaziergang auch nicht ideal. Zu lauter Verkehr, zu große Gruppe, zu viel Hantieren mit einer App, die man auch noch benutzen soll, die aber kein Mensch braucht. An den Regen hat bei der Planung wohl niemand gedacht. "Kein Kläger" wirkt zu sehr am Schreibtisch erdacht und hält dem schnöden Praxistest nur schwer stand.

Aber: Es ist dennoch ein Projekt von großer Wichtigkeit. Mudra, die mit "Kein Kläger" eine Performance-Trilogie zum Umgang mit nationalsozialistischem Erbe beendet, ist es bitter ernst in ihrer Forderung nach radikaler Aufarbeitung. Nichts ist gut, solange Flughäfen nach Politikern benannt sind, die Sätze sagten wie: "Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen". Diese Ungeheuerlichkeit stammt von Franz Josef Strauß. Warum, fragt Mudra, stört das so wenige Menschen?

Die Schauspieler, Vertreter der Ankläger, der Angeklagten, der Opfer, der Mitläufer, trotzen dem Regen mit Würde. In ihren Worten liegt die Wucht der Enttäuschung und eine noch größere Wut über all die zugedrückten Augen, die mildernden Umstände und die Verdrängung. Neutral ist hier niemand. So gelingt es Mudra zwar nicht mit theatraler Ästhetik, aber mit der Macht der Fakten und der realen Orte, ins Unrechtsbewusstsein ihrer Zuschauer vorzudringen.

Der Spaziergang endet am NS-Dokuzentrum, wo sich eine Justitia die Augenbinde abnimmt und der Unvergleichbarkeit der NS-Verbrechen ins Auge blickt. "Diese Schuld zerbricht alle Rechtsordnungen", lässt Mudra einen Schauspieler sagen. Wie recht sie hat.