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Dokumentarfilm "Where to Invade Next":"Wir müssen lernen, unsere dunkle Seite zu akzeptieren"

Eigentlich wollte er nur in "diese Bleistiftfabrik", erzählt er, wollte mehr über die deutsche Mittelschicht erfahren, weil die in den USA zusehends verschwindet, da sei er bei Faber-Castell gelandet und habe nach ein paar Tagen gemerkt, dass Nürnberg auch der Ort sei, "wo Leni Riefenstahl ihre Filme drehte".

Die Episode aus Nürnberg ist die emotionalste in seinem Film. Während er einer Deutschstunde über die Deportation der Juden beiwohnt, wird ihm bewusst, wie wenig sich Amerikaner mit der Geschichte der Sklaverei befassen würden, die bis heute unverarbeitet sei und deshalb bis in die Gegenwart strahle. "Wir müssen lernen, unsere dunkle Seite zu akzeptieren", sagte er beim Auftritt in New York in den Applaus des vornehmen Upper-West-Side-Publikums hinein.

Fast eine Million Flüchtlinge hätten die Deutschen diesen Sommer bei sich aufgenommen, fährt er mit seiner Tirade gegen sein Land fort, "und wir nahmen nicht mal 2000. Dabei haben wir das ganze Chaos angerichtet."

Rock 'n' Roll, Hip Hop und Frühstücksflocken

Ob denn Amerika gar nichts Gutes zustande gebracht habe, wird Moore am Ende der Diskussion gefragt, worauf er antwortet: "Doch, Rock 'n' Roll, Hip-Hop und Frühstücksflocken. Ich habe in Europa gelernt, dass man uns Amerikaner eigentlich mag, weil wir so niedlich sind und immer Fragen stellen. Nur unser Land mag man nicht." Dennoch bleibe er Optimist, denn es gebe ein Klischee über Amerika, das tatsächlich zutreffe: "Hier ist alles möglich, wenn man nur will."

Er hat in den Tagen nach den Attentaten in Paris verkündet, sein Haus in Michigan syrischen Flüchtlingen zu überlassen und soll bereits 150 Familien gefunden haben, die dasselbe tun wollen, darunter die Schauspielerin Susan Sarandon. "Donald Trump wird zwar die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten gewinnen", sagt Moore, das sei die schlechte Nachricht. Die gute aber laute: Er hat gegen Hillary Clinton keine Chance. "Denn die Zeit der zornigen weißen Männer ist vorbei." Es sei denn, sagt Moore, es passiere noch etwas Außergewöhnliches, aber daran wolle er gar nicht denken.

Am Tag nach der Filmvorstellung, einem sonnigen Mittwoch, erschießen Syed Farook und Tashfeen Malik in der kalifornischen Kleinstadt San Bernardino auf einer Weihnachtsfeier 14 Menschen. Keine 48 Stunden später werden die Anforderungen für US-Visa verschärft, Politiker fordern Bodentruppen. Die Zeit der zornigen Männer ist vorbei? Von wegen, vielleicht erleben sie gerade ihr Comeback. Donald Trump darf ein generelles Einreiseverbot für alle Muslime fordern und wird dafür zwar kritisiert - aber seine Popularität scheint ungebrochen zu sein. Wie Moore sagte: Alles ist möglich in Amerika.