Dokumentarfilm Die Epoche rückt nahe, aber sie wird nicht vertraut

Der überwiegend streng chronologische Film beginnt ganz am Anfang bei Hitlers Geburt. Hier muss er auf alte Fotografien zurückgreifen, aber ihm kommt bald zu Hilfe, dass Österreich-Ungarn eine frühe Stätte der neuen kinematografischen Technik war. Straßenszenen, Monarchenauftritte, durchweg Außenaufnahmen, zeigen eine wohlhabende Welt mit prunkvollen Fassaden. Das Leichenbegängnis für den von Hitler verehrten, scharf antisemitischen Wiener Bürgermeister Karl Lueger 1910 wurde filmisch dokumentiert. Hitler kam aus einer provinziellen Grenzregion, aber als junger Mann lebte er in quirligen Großstädten. Auch München ist vor 1914 so ein Ort, Schwabing gab es auch im Film.

Das aufschlussreichste Vergleichsunternehmen zu Pölkings Film sind Walter Kempowskis Textcollagen in dem "Echolot"-Projekt. Darin machte Kempowski den Versuch, aus Hunderten von Einzelstimmen ein kollektives Tagebuch des Zweiten Weltkriegs zu arrangieren. Natürlich war das ein Kunstwerk, zusammengeschmolzen aus Authentizität. Und so verhält es sich auch bei Pölkings Großwerk: Es hat Leitmotive, Kontraste, es setzt Hierarchien und erzeugt komische Effekte - etwa durch Zitate aus dem Tagebuch einer führergläubigen ostpreußischen Dame namens Henriette Schneider, deren unverstellte Torheit von der Sprecherin Erica Heller brillant vermündlicht wird.

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Was ist die Wirkung? Eintauchen und - jedenfalls beim Rezensenten, der allerdings mitschreiben musste - auch Ermüdung. Die Epoche rückt nahe, aber sie wird nicht vertraut. Gegen Ende steigert sich das Befremden über die Durchhaltebereitschaft der Deutschen in der offenkundigen Selbstzerstörung. Alle Fragen, die sich hier stellen, werden von der Geschichtswissenschaft seit Langem behandelt. Was wusste man von den Judenvernichtungen? Der Film zeigt Aufnahmen von Leichen, von Bergen von Habseligkeiten.

Die abgehackten Hände belgischer Kinder - damals eine bekannte Propagandalüge

Dazu ein Bericht aus dem Führerhauptquartier im Herbst 1944: Der Legationsleiter Franz von Sonnleithner spricht Hitler auf englische Presseberichte über Majdanek an, also direkt auf die Massentötungen von Juden. "Die Antwort kam rasch: ,Das sind die abgehackten Hände der belgischen Kinder während des Ersten Weltkrieges, nichts als feindliche Propaganda."' Das den Deutschen - seinerzeit zu Unrecht - vorgeworfene Abhacken von Kinderhänden in Belgien seit 1914 war jedermann noch geläufig als empörende Lüge.

Informativ und neu ist der Film nicht auf der Ebene von Biografie und Politik Hitlers. Doch er zeigt seine Welt, die Welt derer, die ihm folgten, die er verfolgte. Darum ist Pölkings Unternehmen, das in vielen Zügen rühmenswert ist, in einem fundamentalen Selbstmissverständnis gefangen. "Wer war Hitler" - diese Frage wird nicht beantwortet, sie kann so womöglich gar nicht beantwortet werden. Da helfen die Kapitelüberschriften ("Ein Kriegsverbrecher") auch wenig. Der Film bietet überwiegend geläufige Psychologie - gewalttätiger Vater, starke Mutterbindung, später Unnahbarkeit und Berührungsscheu -, während doch die dahinterstehende Kulturgeschichte das Interessante ist. Nicht die Unperson, sondern ihre Epoche.

Abwegig sind dramatisierende Bemerkungen wie gleich zu Beginn: Hitlers Geburt sei "ein Schicksalsschlag für Millionen Menschen in aller Welt" gewesen. Wer historische Kausalität so naiv konstruiert, müsste auch sagen, dass schon die Geburt von Hitlers Mutter so ein Schicksalsschlag war. Hitlers Eintritt in die Politik 1919 habe "weltgeschichtliche Bedeutung", raunt der Film. Nein. Diese Bedeutung ergab sich erst, weil Hitler in einem komplizierten, faktorenreichen Krisenprozess an die Macht kam. In solchen Momenten unterbietet Hermann Pölking seine enormen Kenntnisse, seinen oft bemerkenswerten Witz. Mit leichter Übertreibung könnte man sagen: Das ist gar kein Hitler-Film. Gott sei dank.

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