Dokumentarfilm Showgirl auf Jobsuche

Skurrile Gestalten: ein Bewohner des Excelsior-Hauses.

(Foto: Pandora Film)

Der Dokumentarfilm "Berlin Excelsior" erzählt von den Bewohnern eines Kreuzberger Hochhauses.

Von Jan Jekal

"Boah, riecht 'n bisschen unanjenehm hier, wa?" - Norman steht mit seinem Geschäftspartner Patrick im Eingangsbereich des Excelsiorhauses im Berliner Bezirk Kreuzberg. Das Gebäude, ein monströser Sechzigerjahre-Wohnblock, wurde auf dem Grundstück des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hotel Excelsior errichtet. Auf Normans T-Shirt prangt der Schriftzug ihres gemeinsamen Start-ups "Change U". In sämtliche Briefkästen des Hauses schmeißen sie ihre Flyer. Sie bieten eine Art Lebens-Coaching an, Norman ist nämlich Erzieher und hat auch mal als Reiseleiter in Bulgarien gearbeitet, und Patrick ist Fitnesstrainer; diese Kompetenzen, finden sie, kann man doch gut kombinieren.

So richtig gelungen ist der Flyer aber wohl nicht. "Du hast hier 'Sie' gesagt und da 'Du' gesagt", merkt Patrick an, als die beiden mit den Flyern vor den Briefkästen stehen. "Das ist natürlich nicht so gut", sagt Norman. Sie schmeißen die Flyer trotzdem ein. Es gibt eine Menge Briefkästen, kleine silberne Schlitze, in langen Reihen übereinander angeordnet, denn im Excelsiorhaus leben eine Menge Menschen. So auch Erik Lemke, der Regisseur dieses Dokumentarfilms. Er zeigt seine Nachbarn in ihren Wohnungen, sie scheinen die Kamera des Bildgestalters André Krummel gar nicht mehr zu bemerken und lassen sich auch in privaten Momenten filmen. Lemke und Krummel entwerfen in "Berlin Excelsior" ein Panorama des Hauses, reihen in ausgedehnten Montagen alltägliche Szenen verschiedenster Mieter aneinander, zeigen zum Beispiel einen alten Mann, dessen Trimm-Dich-Rad plötzlich den Geist aufgibt, einen einsamen Würfelspieler, ein junges verliebtes Paar. Zum anderen aber, und das ist der besonders interessante Teil des Films, porträtieren sie drei Bewohner, deren verbindendes Element ihr Streben nach kommerziell verwertbarer Selbstoptimierung ist. Die Filmemacher halten sich dabei stets im Hintergrund, verzichten auf eine Erzählung aus dem Off oder Interviewsequenzen. So gelingen ihnen tragikomische Charakterstudien, die die Widersprüche der spätkapitalistischen Gegenwart abbilden; das "Entrepreneurtum" als besonders erstrebenswertes Lebensmodell auf der einen Seite und eine gleichgültige Ökonomie, die für viele Menschen keine würdevolle Verwendung hat, auf der anderen.

Da ist eben Norman, der Flyer verteilende Life-Coach, der selbst gut einen gebrauchen könnte. Claudia, ein Ex-Showgirl, das sich von einem thüringischen Rentner mit unklaren Motiven fotografieren lässt, in der Hoffnung, von Casting-Agenturen entdeckt zu werden. Und Michael, früher Gigolo, jetzt Make-up-Tutorial-Creator, der mittlerweile auf die fünfzig zugeht, seinen Dates aber versichert, er sei 29. Sie alle sprechen die Sprache dynamischen Unternehmertums und sie glauben an die Bedeutung von Worthülsen: Sie werden "nicht aufgeben" und "für die Firma kämpfen". Sie befestigen ihre Smartphones auf provisorischen Stativen und richten gut gelaunte Ansprachen an ihre Online-Follower. Sie sind ambitioniert, denn mit ihren richtigen Jobs werden sie nicht reich, und Anerkennung bekommen sie schon gar nicht. Das Excelsiorhaus soll nur eine Zwischenstation sein. Dass es auch eine Zwischenstation auf dem Weg nach unten sein könnte, darüber denken sie lieber nicht nach.

Menschen, die anderen helfen wollen, ohne sich selbst helfen zu können, sind ein wiederkehrendes Motiv des Films. In einer großartigen Szene lässt sich Norman zum Beispiel von zwei alternativen Medizinern behandeln, wegen ADHS, was zwar nicht sicher diagnostiziert worden sei, aber der Psychologe meinte, da gäbe es Zeichen. Ein bisschen Ritalin habe er auch schon mal genommen, und das sei ganz gut gewesen. "Ritalin ist ja Schulmedizin", sagt die alternative Medizinerin tadelnd und holt die Karten und das Pendel hervor, und Norman, im Tanktop auf der Couch, ahnt jetzt, was hier passiert. Er macht große Augen, gibt sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen, und die dünnhäutige Heilerin ist schnell beleidigt. "Wat ick ma fragen wollte, ma kurz ne Gegenfrage", sagt Norman da, und mit Gegenfragen kann die Heilerin nicht so gut umgehen. "Habt ihr denn eigentlich Erfolg mit dem Ganzen? Kann man damit überleben? Habt ihr ne Internetseite?

. Berlin Excelsior, Deutschland 2018 - Regie: Erik Lemke. Buch: Andre Krummel, Erik Lemke. Kamera: Andre Krummel. Pandora, 91 Minuten.