Dokumentarfilm Geschichte ist Gegenwart

Der Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro" porträtiert den schwulen schwarzen Schriftsteller und Aktivisten James Baldwin.

Von Jan Kedves

Dieser Film kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, möchte man rufen, und erschrickt dabei über die eigene Begeisterung. Denn das Thema von Raoul Pecks Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro" ist grausam. Der richtige Zeitpunkt scheint es zu sein, weil die "race relations", das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den USA, an einem neuen Tiefpunkt angelangt zu sein scheinen. Vor einer Woche lief ein weißer Armee-Veteran durch New York mit dem Ziel, schwarze Männer zu lynchen. Einen erstach er, den 66-jährigen Timothy Caughman, andere sollten folgen. Die Medien in den USA winden sich, die Tat und die Ideologie dahinter als das zu bezeichnen, was sie sind: weißer Terror.

Zugleich trügt aber das Gefühl, "I Am Not Your Negro" könne kaum besser in die Zeit passen, weil der Film zu jedem anderen Zeitpunkt in den vergangenen Jahren genauso gepasst hätte. Zu der Rodney-King-Misshandlung in L. A. 1991, zur Tötung des 12-jährigen Tamir Rice durch einen Polizisten in Cleveland, Ohio vor drei Jahren. Überhaupt ist die Annahme, ein Film könne gerade "passen", natürlich potenziell verhängnisvoll, weil sie nahelegen könnte, allein durch das Anschauen des Filmes sei schon etwas Positives erreicht.

So einfach ist es nicht, und James Baldwin, der in Harlem geborene Autor und Bürgerrechtler (1924 - 1987), wäre wohl der Letzte gewesen, der so einem naiven Verständnis von "Jetzt lernen wir mal aus der Geschichte" auf den Leim gegangen wäre. Im Gegenteil: "Die Geschichte ist nicht die Vergangenheit. Sie ist die Gegenwart. Wir tragen sie in uns. Wir sind unsere Geschichte", schrieb er in seinem Manuskript "Remember This House" von 1979, das der haitianische Filmemacher Peck nun zur Grundlage seines großen Essayfilms gemacht hat. Er unterlegt Baldwins Text mit genau recherchierten Bildern von Lynchmorden und Bürgerrechtsdemonstrationen, mit TV-Werbung, mit Ausschnitten aus Interviews und Talkshows.

In den USA ist "I Am Not Your Negro" gefeiert worden und war für einen Oscar nominiert, weil er auf beachtliche Weise dreierlei leistet: Er erinnert an Baldwin und illustriert dabei dessen Absicht, die "Geschichte Amerikas anhand der Leben dreier seiner ermordeten Freunde zu erzählen". Damit sind Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. gemeint. Und drittens: Dass die Schwarzen in den USA nicht Schwarze sind, sondern zu Schwarzen gemacht werden, von den Weißen, das hat man lange nicht mehr so anschaulich in einem Film dargelegt bekommen.

Baldwin ging 1948 ins selbstgewählte Exil nach Paris, um Abstand von der Segregation zu gewinnen. Zuvor hatte er sich im New Yorker Village kurzzeitig eine Wohnung mit Marlon Brando geteilt. In Paris schrieb er "Giovanni's Room", einen der ersten Romane mit eindeutig homoerotischem Inhalt. 1955 fühlte er sich aber verpflichtet, in die USA zurückkehren und seine Schwestern und Brüder im Kampf zu unterstützen. Man sieht ihn unter anderem, wie er mit seiner sanften Stimme und seinem gequält spöttischen Lächeln als Talkshow-Gast zwischen Malcolm X und Martin Luther King Jr. sitzt, die sich vor der Kamera nichts schenken.

In der Originalfassung liest Samuel L. Jackson aus Baldwins Werk, im Deutschen Samy Deluxe

"I Am Not Your Negro" ist in den USA nicht nur gefeiert worden. LGBT-Aktivisten haben Peck vorgeworfen, er gehe in seinem Film unsensibel mit Baldwins Nicht-Heterosexualität um. Anders sollte man sie wohl nicht nennen, denn Baldwin selbst wies Zuschreibungen wie "homosexuell" oder "bisexuell" von sich. Er verstand, wie kaum ein anderer Beobachter seiner Zeit, die Macht der Begriffe, die von außen an Menschen herangetragen werden. Peck zitiert aus einem FBI-Vermerk von 1966: "Es gibt Gerüchte, Baldwin sei homosexuell, und er wirkt auch so."

Sicher, es ist nicht unbedingt elegant, dass dieses Detail ausgerechnet durch eine FBI-Notiz in den Film kommt. Aber hätte Peck sie weggelassen, wäre womöglich der Eindruck entstanden, Baldwin sei heterosexuell gewesen. In den von Samuel L. Jackson (in der deutschen Synchronfassung von Samy Deluxe) gesprochenen Auszügen aus "Remember This House" schwärmt er nämlich für schöne Frauen, genauer: weiße Frauen, Joan Crawford, und besonders seine Grundschullehrerin Bill Miller. Die nahm den Zehnjährigen unter ihre Fittiche und redete mit ihm "über die Welt". Keine Spur von Rassismus hier, im Gegenteil: Baldwin betont, dass es ihm dank dieser Lehrerin, die für ihre Nähe zu schwarzen Schülern wiederum von Kolleginnen geschnitten wurde, nie gelungen sei, die Weißen als gesamte Rasse zu hassen. Mehr Komplexität bitte, mehr Interaktion zwischen einzelnen Individuen, scheint "I Am Not Your Negro" letztlich zu fordern. Peck gelingt so ein doch sehr feinfühliges Porträt des Kämpfers James Baldwin, dessen Waffe unbedingt die Rhetorik war.

I Am Not Your Negro, USA/F 2017 - Regie und Buch: Raoul Peck. Kamera: Henry Adebonojo, Bill Ross IV, Turner Ross. Salzgeber, 94 Minuten.