bedeckt München 27°

Dokumentarfilm:Odyssee im Wohnraum

Zur Eröffnung des Münchner Dokumentarfilmfestivals erforscht der dänische Film "Dream Empire" die Immobilien-Träume von einem besseren Leben - in Chinas Megastädten und anderswo.

Mit Yana auf dem Rücksitz fährt das Taxi am Ende durch die müde Nacht und durch ein unruhig sich hin- und herwälzendes Meer aus Stahlbeton und den flackernden Lichtern jener Großstadt, die niemals schläft. Allerdings ist es nicht New York, was da im trüben Rückspiegel verschwindet wie Atlantis im Ozean, sondern Chongqing.

Das ist die am schnellsten wachsende und womöglich irrsinnigste Metropole der Gegenwart. Fast 30 Millionen Menschen leben hier auf einem schnitzelförmig ausgestanzten Stadtgrundriss, der nicht ganz so groß ist wie Österreich. 30 Millionen minus Yana - muss man jetzt sagen.

Falls das überhaupt jemand bemerkt. Was man sich kaum vorstellen mag. Man sollte es aber bemerken, unbedingt sogar. Und man sollte ebenso dringend aufhören, erfolgreich, clever, schön und im Besitz einer 220-Quadratmeter-Eigentumswohnung mit freistehender Badewanne und Blick auf die Skyline sein zu wollen. Im Gegenzug könnte man vielleicht überleben. Aber auch nur vielleicht.

Was New York für das 20. Jahrhundert war, ist die chinesische Metropole am Zusammenfluss von Jangtsekiang und Jialing für das 21. Jahrhundert: Sehnsuchtsbild und Traummaschine - und letztlich die presslufthämmernd aufgenommene Magnetresonanztomografie einer delirierenden Baustellen- und Immobilienwelt fiebriger Investoren, wie sie die Mechanismen unserer verstädterten Stein- und Scheinwelt zeigt. Zu sehen ist alles, was Aufstieg und Fall ist - gebündelt in einem großen Glauben an das noch größere Morgen und das noch viel größere Übermorgen. Der Glaube versetzt keine Berge, er errichtet Städte. "Dream Empire" handelt von der Industrie, die hinter dem Glauben steckt - und von jenen, die ihn verlieren. Und alles andere auch.

Agenturgründerin Yana sucht nach exotischen Europäern, um sie in ihrer chinesischen Heimat bei Hauseinweihungen auftreten zu lassen.

(Foto: Dok.fest)

So wie Yana, 24 Jahre alt und Arbeitsmigrantin in Chongqing, die im Taxi in Tränen ausbricht. Es ist an dieser Stelle fast, als würde man statt des Dokumentarfilms "Dream Empire", mit dem am Mittwochabend das 32. Münchner Dok.fest eröffnet wurde, etwas ganz anderes sehen. "Casablanca" beispielsweise, wo ebenfalls eine vorletzte Kameraeinstellung den Tränen und der Tragik gilt.

Das ist auch schon das größte Kompliment, das man dem Film machen kann: Am Ende hat man eine berührende Geschichte erfahren - und ob das eine jetzt fiktiv erfundener Liebeskitsch wäre (Ingrid Bergman in "Casablanca") und das andere, Yana, die dokumentierte Wahrheit über den chinesischen Immobilienmarkt einerseits und die Zukunft der durchkapitalisierten Erde andererseits, spielt keine Rolle. Denn das ist es, was hier so anschaulich klar im dauerdunstigen Chongqing wird: Wir alle sind ein bisschen Yana. Scheiternd an uns und jenen Städten, von denen wir dachten: Wenn du es hier schaffst ..

. Das grundsätzlich Yanahafte in uns, der Traum von einem besseren Leben, behält auch dann seine Gültigkeit, wenn wir nicht ihren wirklich sehr sonderbaren Beruf in einer sehr sonderbaren Stadt ausüben. Dass aber am Ende das Sonderbare gar nicht die bizarre Ausnahme ist, sondern nur die Regel auch abseits superlativistischer Megacitys bestätigt: Das ist das zweite Kompliment, das man dem präzisen und zugleich poetischen Film des dänischen Regisseurs David Borenstein machen kann.

Der Kunde hätte für seine Party gerne ein paar Inder, die sind aber gerade leider nicht erhältlich

Yana ist die Protagonistin, der wir zwei Jahre lang auf dem erst in Champagnerlaune überschäumenden, dann platzenden Immobilienmarkt von Chongqing folgen. Sie stammt aus Xinjiang und gründet zusammen mit dem ortsansässigen Jimmy, der sie bald listig ausbooten wird, eine Agentur. Diese Agentur castet für Partys rund um die stets ein wenig verlogene Vermarktung von immer epischer inszenierten Büro- oder Wohnraumträumen semiprofessionelle Popsänger, Models oder einfach gut und vor allem fremd, also garantiert unchinesisch, aussehende Menschen. Das können Studenten sein oder Möchtegern-Künstler, Touristen oder Backpacker. Hauptsache, sie vermitteln so etwas wie ein "internationales Flair".

Das ist das Produkt, das Yana und Jimmy in ihrer Agentur verkaufen: eine Kulisse aus Menschenmaterial, mit der aus einer chinesischen Stadt ein internationaler Hotspot gemacht wird. Einem eher sparsamen Kunden, der für sein "Event" geeignetes Personal sucht, rät Yana: "Nehmen Sie Schwarze, die sind günstiger als Weiße. Gut, Weiße sind Oberklasse, aber Schwarze bringen die bessere Performance." "Hm", sagt der Kunde, "und was kosten Inder?" - "So viel wie Schwarze, aber zurzeit haben wir keine."

China ist versessen auf alles, was nicht nach China aussieht. Es kopiert sich Stadtteile von Paris und baut Schweizer Bergdörfer nach. Nur eines ist immer gleich: Hinter dem sich breiig ins Uferlose ergießenden Immobilienmarkt, der keinen alten Stein auf einem alten Stein in Chongqing lässt, steht der kapitalisierbare, vermarktbare Traum vom einer besseren Zukunft. Yana träumt davon, ihren Eltern endlich eine Wohnung zu kaufen. Die eigenen vier Wände: China ist im Einmal-im-Leben-Semmeling-Traum angekommen. Etwa mit der Potenz 1000.

Am Ende, Yana ist kaputt, pleite und die Immobilienblase ist geplatzt, gibt sie auf. Sie wird Platz machen für andere, die denken: Wenn du es hier schaffst ... Bevor sie aus der Firma aussteigt, das Taxi heim in Richtung Niederlage nimmt und in Tränen ausbricht, fragt sie Jimmy nach dem Warum. Die Kamera schwenkt auf dessen Gesicht. Eine größere Leere ist undenkbar.