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Kolumne "Nichts Neues":Aus Versehen glücklich

Nichts Neues

Selbstgemachte Philosophie: Vikram Gandhis Dokumentarfilm "Kumaré".

(Foto: Privat)

Der Dokumentarfilm "Kumaré" von Vikram Gandhi.

Von Johanna Adorján

Unbegreiflich, dass der Dokumentarfilm "Kumaré" (2011) nicht viel bekannter ist. Der Regisseur, Vikram Gandhi, 1978 als Sohn indischer Einwanderer in New Jersey, USA, geboren, untersucht darin die große Bereitschaft von Menschen, daran zu glauben, dass irgendjemand auf große Fragen des Lebens Antworten hat. Ihm war aufgefallen, dass immer mehr Yogazentren in New York eröffneten, in denen erleuchtet tuende Yogalehrer, die mal kurz in Indien waren, Halbweisheiten von sich gaben und dafür von ihren Schülern übertrieben verehrt wurden. Er selbst war mit den Mythen und Superhelden des Hinduismus aufgewachsen, hatte schon als Kind Yoga praktiziert, glaubte aber nicht so recht an Religion. Er beschloss, die Sache selbst auszuprobieren: Er würde sich, von einem Kameramann begleitet, als indischer Guru ausgeben und schauen, was passiert.

Alte indische Weisheit: Man findet nur, wonach man sucht

Er ließ sich Bart und Haare lang wachsen, tauschte seine Baseballkappe gegen fließende indische Gewänder ein und gab sich den Fantasienamen Kumaré. Außerdem legte er sich zwei Assistentinnen zu, die ihm sozusagen folgten, und sprach nur noch mit dem starken indischen Akzent seiner Großmutter. Und er dachte sich eine Lehre aus. Es sollte eine sein, hinter der er tatsächlich stehen konnte, so kam er auf die "Mirror"-Philosophie, die besagt, dass man spirituell nur findet, wonach man sucht. Dass also in Wahrheit jeder Mensch sein eigener Guru ist. Die Truppe begab sich nach Arizona, wo sie Yogasessions veranstalteten, um Anhänger zu finden.

Um es abzukürzen: Es klappte erschreckend gut. Nette, aufrechte Menschen sahen in diesem weise lächelnden, fremdländischen Kumaré tatsächlich einen spirituellen Leader und offenbarten ihm ihre tiefsten Sorgen, in der Hoffnung auf Errettung. Der Film ist deshalb so gut, weil Vikram Gandhi alias Kumaré mit der Hoffnung dieser Menschen nicht spielt. Er führt niemanden vor, und der ganze Schwindel mit seiner Identität dient zuletzt einer größeren Wahrheit. Nachdem alles herauskam, waren zwar ein paar seiner Anhänger sauer, aber die meisten hat er versehentlich wirklich glücklicher gemacht. (Auf Vimeo findet man den ganzen Film.)

Weitere Folgen der Kolumne "Nichts Neues" finden Sie hier.

© SZ/sus
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