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Dokumentarfilm:Komplizen

In München beginnt das Dokumentarfilmfestival: Ein Besuch im Trump-Land, kriminelle Familienclans in Deutschland, Frauenrechte und weitere Empfehlungen.

Keine Spezialeffekte, kein Fake ..., really doing it." Davon schwärmt der Regisseur Francis Ford Coppola beim "Sorcerer", dem Film seines Kollegen William Friedkin. Alles echt, nichts gestellt, das war lange auch der Reiz des Dokumentarfilms. Es war immer schon eine Behauptung, ein unique selling point - aber auch ein Korsett. Heute sind Reenactments, Tricktechnik, alle möglichen Formen von Inszenierung selbstverständlich geworden in Dokus. Dennoch bleibt der Kern die gefundene Realität, was den Filmen eine besondere Wucht und Dringlichkeit verleihen kann. Das 34. Dokumentarfilmfestival München - kurz: Dok-Fest - zeigt bis zum 19. Mai 159 Filme aus 51 Ländern, die wie Schaufenster in oft fremde Welten sind. In eine "andere Realität", wie einer der Filme getitelt ist. Die Retrospektive ist der peruanisch-niederländischen Regisseurin Heddy Honigmann gewidmet, das diesjährige Gastland ist Russland. Hier einige Empfehlungen für das am Donnerstag beginnende Festival.

Kriminelle Familienclans in Deutschland: "Another Reality".

(Foto: Dokfest)

Another Reality, Noël Dernesch, Olli Waldhauer

Die Frage nach einem Ausweg ist es, die den Film in Bewegung hält. Noël Dernesch und Olli Waldhauer begleiten Männer aus kriminellen Familienclans in die Parallelgesellschaft deutscher Großstädte. Es ist eine Welt der dicken Autos und Aufstiegsträume, umspannt von einem Netz aus Familienbeziehungen mit Dutzenden Cousins, in der der Geschmack des schnellen Geldes süchtig macht und der Weg in die Kriminalität weniger Entscheidung ist als Konsequenz - Treibsand ohne rettendes Seil, wie ein Gangster sagt. Der Blick in ihren Alltag bestätigt viele Klischees und zerbröselt sie nach und nach. Die Filmemacher sind nah dran an diesen Männern. Sie erzählen von ihren Träumen und dem Kampf mit sich selbst ("der größte Dschihad"), vom Hadern mit ihrer Identität und der Suche nach legalen Geschäften (Kiosk, Gangster-Rap, Autovermietung). In den besten Momenten hat das einen anrührenden Witz. "Ich fühle mich deutsch", sagt einer im Neonlicht seiner Kioskkühlschränke, "aber was denkt Petra, meine Nachbarin, wenn sie mich mit meinen geleckten Haaren sieht?" Annett Scheffel

Im tiefsten Trump-Land: "Monrovia, Indiana".

(Foto: Dokfest)

Monrovia, Indiana, Frederick Wiseman

Wenn es in den USA diesen kulturellen Graben gibt, der zwei Welten voneinander trennt, befinden die Kleinstadt Monrovia und der Filmemacher Frederick Wiseman sich definitiv auf unterschiedlichen Seiten davon. Wiseman knüpft seine Filme an Orte, oft an Institutionen. Aber eigentlich geht es immer um Menschen und darum, wie sie in der Gemeinschaft funktionieren. Für "Monrovia, Indiana" hat er zehn Wochen lang im tiefsten Trump-Land gefilmt, Indiana ist die Heimat des Vizepräsidenten Pence. Um nationale Politik geht es nie, nicht im Waffengeschäft, nicht im Diner oder auf dem Dorffest, als würden die Menschen gar nicht verstehen, was die Politik mit ihnen zu tun hat. Aber in den Gemeinderatssitzungen kann man doch heraushören, wo der Graben verläuft, wie die Hoffnung auf neue Jobs und junge Leute in einer überalterten Stadt auf die Furcht vor Veränderung stößt. So setzt Wiseman das Bild einer Welt zusammen, in der alles in Zeitlupe seinem Ende entgegenzutreiben scheint. Susan Vahabzadeh

Der Kampf um Frauenrechte in Afghanistan: "A Thousand Girls Like Me".

(Foto: Dokfest)

A Thousand Girls Like Me, Sahra Mani

Frauenrechte in Afghanistan, der Mut der Verzweiflung: Khatera hat schon eine Tochter, die gleichzeitig ihre Schwester ist; als sie ein weiteres Mal schwanger wird, schafft sie es, ihren Vater anzuzeigen. Der Vater hatte sie seit ihrer Jugend regelmäßig missbraucht, Khatera vermutet, dass es Tausenden von Mädchen in ihrem Land so geht, sie aber ist die Erste, die einen solchen Fall an die Öffentlichkeit und vor Gericht bringt. Die Regisseurin Sahra Mani ist selbst Afghanin, in Iran aufgewachsen, in London hat sie studiert. Sie begleitet Kathera bei ihrem Kampf gegen ein korruptes System - ein System, in dem Männer die Macht haben und andere Männer schützen. Der Moderator im Fernsehen bedrängt sie, warum sie nicht eher Hilfe gesucht habe, vor Gericht wird sie beschuldigt zu lügen. Falls Katheras Vater freigesprochen wird, könnte sie selbst ins Gefängnis kommen wegen ihrer nicht ehelichen Kinder. Martina Knoben

Wenn Hilfe zur Straftat wird: "Mission Lifeline".

(Foto: Dokfest)

Mission Lifeline, M. Weinberg, L. Baumgarten

Ein absaufendes Schlauchboot, Luft blubbert unterm Kiel hoch. 200 Menschen in Todesangst. Libysche Küstenwache, die das Feuer eröffnet und sich benimmt wie ein Piratenhaufen, mit freundlicher Hilfe der EU, die ihnen das Benzin bezahlt. Mittendrin in diesem brutalen Chaos die Lifeline, ein kleines Schiff, das versucht, die Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Markus Weinberg und Luise Baumgarten haben die Crew der Lifeline zwei Jahre lang begleitet und deren Arbeit mit Stationen der europäischen Abschottungspolitik seit 2015 gegengeschnitten. Es geht vor laufender Kamera um Leben und Tod. Um Pegida-Demonstrationen, auf denen "Absaufen" skandiert wird. Und damit um die Frage, was dieses Europa eigentlich noch sein soll, wenn am Ende der Kapitän des Schiffes vor Gericht gestellt wird, weil er geholfen hat. Alex Rühle

Eine Etüde über Macht: "Putins Witnesses".

(Foto: Dokfest)

Putin's Witnesses, Vitaly Mansky

Jetzt aussteigen und ein Bier trinken, so wie früher. Oder so wie später mal, wenn er, Wladimir Putin, nicht mehr Präsident sein wird, sondern nur noch ein "einfacher Bürger". Denn eines Tages, sinniert Russlands frischgebackener Herrscher auf dem Rücksitz der bescheidenen Dienstlimousine, eines Tages ist es vorbei mit der Macht. Das klingt fast sehnsüchtig, kann aber auch einer der Tricks sein, mit denen Putin alle hereingelegt, alle zu seinen Komplizen gemacht hat, auch den russischen Filmemacher Vitaly Mansky. Als Dokumentarfilmchef eines Staatssenders hatte Mansky damals, im Jahr 2000, fantastische Zugänge: zu Boris Jelzin, der nie erkennen lässt, wann er begreift, wen genau er mit Putin ins Amt gehievt hat. Zu Michail Gorbatschow, der mit alten Genossen tafelt - kaltgestellt, aber durchaus heiter. Und zu Putin. Heute lebt Mansky im Exil. Sein Film ist der Versuch, Zeugnis abzulegen, eine Beichte. Und doch wirkt er weniger wie ein Bußgang, das auch, er ist nicht nur der Versuch, die Genese des Autokraten Putin zu erklären - war nicht alles schon angelegt, erkennbar? -, als eine Etüde über Macht, ihren Verlust, ihre Absicherung, ihre unentrinnbaren Konsequenzen für alle, die ihr zu nahekommen. Intim und weltweise zugleich ist dieser Blick und manchmal, wenn er auf Jelzin fällt, schlingernd wie ein Tanker in Seenot, oder auf seinen blassen, eifrigen, unfertigen Nachfolger, überraschend anrührend. Sonja Zekri

Ein junger Wilder in Hollywood: "Friedkin Uncut".

(Foto: Dokfest)

Friedkin Uncut, Francesco Zippel

Ein junger Wilder in Hollywood, William Friedkin. Er machte einige der rasantesten Filme der Siebziger, "French Connection" und "The Exorcist", der explosive "Sorcerer" (Remake von "Lohn der Angst") und "Cruising", einen schwarzer Thriller aus der SM-Szene. Die ersten beiden waren gewaltige Erfolge, der dritte floppte, der vierte wurde, weil er Schwule diskriminierte, heftig attackiert. Francesco Zippel lässt in "Friedkin Uncut" Friedkins Akteure, Mitarbeiter und Kollegen - von Walter Hill bis Tarantino - zu Wort kommen, auch Friedkin selbst darf sich exzentrisch in Szene setzen. Eine Szene proben, sagt er, das ist für Weicheier, für Dummies. Ich bin für Spontaneität. Ein Take, kein Lauern auf Perfektion. Er war immer voll dabei beim Dreh, saß mit im Wagen bei der legendären Verfolgung in "French Connection" in Brooklyn. Francis Ford Coppola, selber dschungelgeprüft, rühmt den "Sorcerer": "Keine Spezialeffekte, kein Fake ... really doing it." Fritz Göttler