Süddeutsche Zeitung

Dokumentarfilm:En route mit der Hüterin der Krone

Die rumänische Kronprinzessin Margareta hat den Zug ihres Vaters aus dem Depot holen und damit einen Film produzieren lassen. Die Eisenbahn ist ein großartiges Kinomedium.

Von Fritz Göttler

Die Monarchie ist in Bewegung in Rumänien. Zwar wurde der letzte König, Mihai I., 1947 von den Kommunisten ins Exil in die Schweiz geschickt, und seine Hoffnung, nach der Wende 1989 als Regent zurückkehren zu können, durch die postkommunistische Regierung abgeblockt. Seine Tochter aber, die Kronprinzessin Margareta, "Hüterin der Krone", lebt weiter in Rumänien. Sie hat eine Gesellschaft gegründet, um - gemeinsam mit Prinzgemahl Radu und der Schwester Maria - die Idee der Monarchie aufrechtzuerhalten und die Erinnerungen der Landsleute an die vorkommunistische Pracht immer wieder aufs Neue zu beleben. Dazu hat sie den "Royal Train" aus dem Depot geholt, mit dem der Vater auf seine Regentenreisen durchs Land gefahren war, und der findet sich im Mittelpunkt des gleichnamigen Films von Johannes Holzhausen (Drehbuchmitarbeit Constantin Wulff, Kamera Joerg Burger).

Die Waggons sind in einem satten Königsblau, die Maschine stößt klagende Laute aus, wie man sie von den Überlandzügen in den Weiten amerikanischer Filme kennt. In den Städten, wo Station gemacht wird, sind Stellwände mit Bildern aufgestellt, man winkt mit Fähnchen, ein roter Teppich ist ausgelegt - gar nicht so einfach hinzukriegen, dass er genau vom Aussteigepunkt bis zum Bahnsteig reicht, keinen Schmutzfleck hat, nicht verrutscht, ein seiner Wichtigkeit sehr gewisser Mann aus der Entourage ist lange damit beschäftigt. Einmal besucht die Hüterin eine Schule, einmal darf sie im Parlament sprechen, auch um die königlichen Markenzeichen geht es mal, Mineralwasser oder roter Wein.

Man sieht einen jungen Mann Objekte, Fotos, Dokumente aus der Zeit der Monarchie sammeln, all das Schöne, das von der modernen Gesellschaft "ridikülisiert" wird. Du bist wie Don Quijote, sagt eine Frau zu ihm, wenn du einen Sancho Pansa brauchst, bin ich das. Das Royale ist ein leeres, zirkuläres Ritual, Repräsentieren ohne Sinn, ohne Volk. Einmal sitzt das Paar stilvoll in seinem Salonwagen, statuarisch stumm. Einmal gibt es tatsächlich ein Festmahl im fahrenden Zug, mit Porzellan und Kristall und livrierter Bedienung. Dem Eisenbahnfahren ist das Ziel irgendwann nicht mehr wichtig, das macht es zum großartigen Kinomedium: die pure Bewegung, die Zeitlosigkeit. Wir sind zu spät auf die Welt gekommen oder zu früh, sagt eine alte Frau auf dem Sterbebett, und erinnert sich an die Zeit, als Bukarest das kleine Paris hieß, und die Unterdrückung, Folter, Verbannung danach. König Mihai starb 2017, 96 Jahre alt. Der Royal Train fährt seinen Sarg durch das Land, sein Horn klagt in der weiten Landschaft.

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SZ vom 18.02.2020
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