Dokumentarfilm "Die Wirklichkeit kommt":Sehen, was man nicht sehen kann

Lesezeit: 3 min

Die Wirklichkeit kommt Dokumentarfilm Niels Bolbrinker

Bewegungsanalysen können vor Verbrechen schützen. Gleichzeitig ist diese Form der Überwachung mit permanenter Kontrolle verbunden.

(Foto: Realfiction)

Wo liegt die Grenze zwischen systematischer Überwachung und Paranoia? In "Die Wirklichkeit kommt" befragt Regisseur Niels Bolbrinker Psychotiker zum heutigen Kontrollwahn, der nicht erst seit Edward Snowdon existiert.

Von Martina Knoben

Der wahre Realist ist manchmal der Spinner. Der Paranoiker, der sich überwacht fühlt und vor der Manipulation durch unsichtbare Mächte warnt. In den Sechzigerjahren phantasierte etwa der Berliner "Sendermann" von Abhörgeräten an den Körpern und in den Wohnungen. Heute darf der Verrückte (auch) als Visionär gelten, ist der "Sender am Körper" - das Handy - ebenso Realität wie die Abhörgeräte/Computer in den Wohnzimmern.

Als Edward Snowden vor knapp einem Jahr die umfassende Überwachung des Internets durch den amerikanischen Geheimdienst NSA publik machte, übertrafen seine Enthüllungen viele Verschwörungstheorien. Deshalb ist Niels Bolbrinkers Einfall durchaus überzeugend, Psychotiker als Zeugen zu befragen, um dem Überwachungs- und Kontrollwahn unserer sicherheitsfixierten Gegenwart auf die Spur zu kommen.

Angst vor Funkwellen und Radarstrahlen

Sie selbst nennen sich "mind control victims" und haben vor Funkwellen Angst oder glauben von unsichtbaren Kräften gefoltert zu werden. Harald zum Beispiel, der in einem Bauwagen lebt, ist überzeugt, dass jemand seinen Körper manipuliert. Eine größere Macht bestrafe ihn mit Schlaflosigkeit oder körperlichen Schmerzen, wenn er etwas ihr nicht Genehmes tue, glaubt er.

Ein Russlanddeutscher, der in der Sowjetunion vom Geheimdienst gezwungen werden sollte, seine Kollegen zu bespitzeln, hört nun Stimmen. Oder der Mann aus Thüringen, der sich von Radarstrahlen verfolgt fühlt und deshalb in seiner Wohnung Schutzhöhlen aus Tüchern errichtet hat oder sich eine Art Imkerhaube über den Kopf stülpt. Klar, dass diese Menschen krank sind, Fälle für die Psychiatrie. Oder vielleicht doch nicht?

Bolbrinker nährt raunend den kollektiven Verfolgungswahn, der uns spätestens seit Snowdens Enthüllungen erfasst hat. Er gleicht den Wahnsinn aber auch mit der Wirklichkeit ab, besucht eine Waffenmesse und diverse Forschungsabteilungen und stellt fest, dass einige der Phantasien Realität sind, andere zumindest Wirklichkeit werden könnten. Vorgeführt werden ihm Drohnen, die einem Kolibri gleichen, oder eine Mikrowellenkanone, die über einige Entfernung hinweg und durch Wände hindurch Teewasser zum Kochen bringen könnte - oder einen Menschen foltern, ohne Spuren zu hinterlassen.

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