Dokumentarfilm Der Mann, der staunt

Wenn Hitler noch lebte, er würde ihn interviewen: Der große Dokumentarfilmer Errol Morris wird 70.

Von Martina Knoben

Wenn Hitler noch lebte, würde ihn Errol Morris wohl interviewen. Das Gespräch würde in das Oeuvre des Dokumentarfilmers und Oscar-Preisträgers passen: Immer wieder hat Morris äußerst fragwürdige Menschen porträtiert und dabei dem Unheimlichen, ja Bösen, in die Augen gesehen. Seine Weigerung, sich dabei auf sichere moralische Positionen zurückzuziehen, machen seine Filme oft unangenehm - und immer interessant.

Zu den Menschen, denen er mit seiner Kamera nahe kam, gehören der vermeintliche Polizistenmörder Randall Adams ("The Thin Blue Line", 1988) oder der Konstrukteur des elektrischen Stuhls und Holocaustleugner Fred A. Leuchter ("Mr. Death - The Rise and Fall of Fred A. Leuchter Jr.", 1999), aber auch die früheren US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara ("The Fog of War", 2003) und Donald Rumsfeld ("The Unknown Known", 2013). Für das faszinierende Psychogramm McNamaras, der vielen als einer der Hauptverantwortlichen des Vietnamkrieges galt, bekam Morris 2004 den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Zwischen Interview und Terror: Menschen, die Tierfriedhöfe betreiben, blutige Lippen

Ein großes Staunen über die weirdness, das Skurrile und Unheimliche in der amerikanischen Seele steht im Zentrum der Arbeit des 1948 auf Long Island geborenen Regisseurs. In seinem ersten Film, "The Gates of Heaven", 1978, porträtierte er Menschen, die Tierfriedhöfe betreiben. In "Vernon, Florida", 1981, trifft er Exzentriker in einer Kleinstadt - ursprünglich sollte es im Film um Menschen gehen, die sich selbst verstümmeln, um Versicherungsgeld zu kassieren. Das Staunen und Morris' Fähigkeit genau hinzusehen - tatsächlich hatte er in den Achtzigern als Privatdetektiv gearbeitet - enden auch nicht da, wo die Fakten, Schuld und Unschuld scheinbar auf der Hand liegen. In "Standard Operating Procedure", 2008, versucht der Filmemacher, das Foltersystem im Gefängnis von Abu Ghraib zu verstehen. Gerade weil Morris nicht als Ankläger auftritt, sondern mit analytischem Blick Hintergründe und Widersprüche offenlegt, erkennt der Zuschauer schließlich ein ebenso brutales wie borniertes, im "Krieg gegen den Terror" eher untaugliches System.

Es sind immer wieder zentrale politische Themen, die sich Morris vornimmt, Sündenfälle amerikanischer Politik, die das Bild und Selbstbild der USA beschädigen. Zum Boom des dokumentarischen Kinos seit den Achtzigern hat er deshalb entscheidend beigetragen. Vielleicht auch, weil er mit "The Thin Blue Line" schon am Anfang seiner Karriere bewiesen hatte, was für eine Wirkungsmacht ein Film haben kann: Morris' Film rettete einen Menschen aus der Todeszelle, seine Recherchen hatten ergeben, dass der verurteilte Mörder Randall Adams tatsächlich unschuldig war.

Morris liebt den Film noir. Und auch in seinen eigenen Arbeiten erscheint der Mensch als eine Black Box - in der sich, wenn man nur lang und intensiv genug hineinstarrt, vielleicht doch etwas erkennen lässt. Als Hilfsmittel hat Morris sein berühmtes "Interrotron" entworfen (eine Wortschöpfung aus Terror und Interview). Bei dieser Art der Kameraführung wird durch einen Spiegel das Gesicht des Regisseurs auf die Linse projiziert, wodurch Interviewer und Interviewter direkten Blickkontakt haben.

Mit der reinen Lehre der unbeteiligten dokumentarischen Beobachtung hat Errol Morris nichts am Hut. Seinen Interviewpartnern bereitet er eine Bühne, auf der sie sich selbst darstellen sollen. Morris war immer davon überzeugt, dass auch im dokumentarischen Film jede Einstellung ein Reenactment sei - nachgestellte, inszenierte Realität.

Die tatsächlichen Reenactments in Morris' Filmen waren dennoch oft umstritten: So stellte er etwa die Folter in Abu Ghraib spielfilmartig nach, mit bellenden Hunden in Großaufnahme oder Blutstropfen an den Lippen Gefolterter - die Wirklichkeit als Horrorfilm. Da meint man den Werbefilmer zu spüren. Morris inszenierte mehr als 1000 Fernsehspots, darunter für Apple oder Levi's. Die schillernden, eleganten Oberflächen auch seiner Dokumentarfilme haben seine Themen auch solchen Zuschauern nahegebracht, die mit der skrupulösen Wahrheitsfindung und Wackelkameraästhetik des Cinema Verité nichts anfangen können.

Seine jüngste Arbeit "Wermut" (Wormwood, 2017) entstand als Serie für Netflix. Sie ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Bedeutung des Streamingdienstes. Und bei der Fülle von Indizien und Beweisen, die Morris sammelt, bietet sich die Serie als Präsentationsform ja auch an. Ein Fenstersturz aus dem 13. Stock steht im Zentrum von "Wormwood" und die Frage: War es Selbstmord oder Mord? Hatte die CIA ihre Hand im Spiel? Morris mixt Spiel- und Dokumentarfilm zu einer spannenden Spekulation, die jeden Verschwörungstheoretiker begeistern dürfte. Wenn man sie nur lang genau anstarrt, schaut die Wirklichkeit wie ein LSD-Trip zurück. An diesem Montag wird der Filmemacher Errol Morris siebzig Jahre alt.