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Dokumentarfilm:Das Tausendfüßlerdilemma

"Why Are You Creative?": Stars erklären in dieser Doku, warum sie kreativ sind. Seine Interviewpartner: David Bowie, Diane Kruger, Angelina Jolie und der Künstler Ai Weiwei.

Von Kathleen Hildebrand

Über dreißig Jahre hinweg stand ein unscheinbarer Deutscher mit Halbglatze an roten Teppichen oder in den Fluren von Luxushotels und stellte mit starkem deutschen Akzent den Stars der Welt eine Frage: Why are you creative - warum sind Sie kreativ? Er fragte Künstler, Schauspieler, Regisseure und Politiker, von Angelina Jolie bis zu George Bush Senior.

Daraus entstanden erst ein Buch, dann Fernsehdokumentationen und nun eine Kino-Doku. Hermann Vaske war Werber in der Londoner Agentur Saatchi & Saatchi, später Filmemacher. Mit vielen der Stars, die ihm Auskunft geben, hat er zusammengearbeitet, Filme über sie gedreht. Dass er über Jahrzehnte hinweg Leuten wie Björk und Jeff Koons und am Ende sogar dem Dalai Lama begegnet ist, macht seinen Film zu einem beeindruckenden Feuerwerk an Star-Begegnungen.

Mit David Bowie etwa sitzt er mehrmals entspannt in Hotelzimmern und lässt sich von dessen Ausflug in den Buddhismus erzählen. Marina Abramović berichtet, dass sie noch mit 29 bei ihrer strengen Mutter wohnte und jeden Abend um zehn zu Hause sein musste. "Irgendwann sagte jemand zu ihr: 'Deine Tochter hängt in einer Galerie nackt von der Decke.'" Die Mutter warf aus Wut mit einem schweren Aschenbecher nach dem Kopf ihrer Tochter. Ihre Kunst, die viel Selbstdisziplin und Opfer erfordere, sagt Abramovic, rühre von dieser autoritären elterlichen Strenge her.

Wer hofft, dass die Größen der Kunst zu einem Urquell künstlerischer Begabung führen, wird enttäuscht. Was Hermann Vaske stattdessen sehr intelligent strukturiert vor dem Zuschauer ausbreitet, ist eine Vielfalt an Antworten auf seine näher betrachtet recht mehrdeutige Frage nach der Kreativität. "Sie ist ein Geschenk von Gott", sagt Quentin Tarantino. Er sei kreativ, "weil er sonst verrückt würde", sagt Mel Gibson. Weil sie aus einer kreativen Familie komme, sagt Isabella Rossellini. Weil er aus einer unkreativen Familie komme, sagt der Regisseur Wayne Wang. Und Björk findet, dass eigentlich auch ihre Verwandten, die als Elektriker arbeiten, kreativ seien.

Eine interessante Wendung nimmt der Film, wenn Vaske sich mit "politischen" Künstlern trifft. Sie antworten nämlich noch mal auf eine ganz andere Frage: Zu welchem Ende sind Sie kreativ? Maria Aljochina von Pussy Riot sagt, dass sie die Heuchelei der russischen Machthaber sichtbar machen wolle. Ai Weiwei, dass jede relevante Kunst provokant sei. "Ich verstehe, dass Leute wie ich ins Gefängnis gesteckt werden. Wenn sie uns nicht stoppen, dann kommt der Wandel."

Vaskes Film ist eine unterhaltsame Suche. Die größten Künstler um Formulierungen ringen und sich in Scherze flüchten zu sehen, ist ein großer Spaß. Man solle den Tausendfüßler nicht fragen, wie er geht, sagt Michael Haneke am Schluss. Denn dann halte er an und könne nicht mehr laufen.

Why are we creative?, D 2018 - Regie/Autor/Produzent: Hermann Vaske, Schnitt: Marie-Charlotte Moreau. Rise and Shine Cinema, 82 Minuten.

© SZ vom 04.10.2018

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