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Dokumentarfilm:3000 Männer auf See

Film: Dream Boat

Jeder Tag auf dem "Dream Boat" endet mit einer opulenten Party.

(Foto: Real Fiction)

"Dream Boat" zeigt schwules Leben auf einem Party-Kreuzfahrtschiff, wo Freiheit herrscht und die Nächte nie zu enden scheinen.

Drinnen ist das Licht gedämpft, uniformierte Zimmermädchen eilen durch enge Kabinen und machen die Betten. Akkurat richten sie auf dem Leintuch kleine viereckige Päckchen aus, den Willkommensgruß an die Gäste: Kondome.

Draußen ist alles hell und bunt. Ein Schiff ragt hoch in den Himmel, die Passagiere, die gerade einsteigen, bestaunen die Länge des Rumpfs. Da sieht man, dieser Film schaut auf das Kleine und das Große, Kondome und Kreuzfahrtschiff. Er wird die Persönlichkeiten einzelner Protagonisten zeigen, und er wird ihren kollektiven Traum als Masse ins Bild setzen. "Dream Boat" ist ein Dokumentarfilm, der nicht nur Informationen liefert, die er sachgerecht bebildert. Er hat daneben eine zweite visuelle Ebene, die Poesie. Auch das sieht man schon vor den Anfangstiteln, aus der Vogelperspektive. Die Kamera filmt senkrecht herunter aufs dunkle Meer, während das Kreuzfahrtschiff langsam vom unteren Bildrand an den oberen zieht. Nahezu ins Abstrakte verfremdet wirkt alles in dieser Draufsicht, und man hat Zeit, darüber zu staunen, bis das "Dream Boat" ganz hindurchgefahren ist.

Zugegeben, das Thema bietet auch viel Sehenswertes an. "Let's take the boys to sea!" sagt der Kapitän, dann beginnt eine Reise, die für jeden der 3000 Passagiere einen Ausstieg aus der Realität bedeutet, und genau so treten sie auch auf. Die Kreuzfahrt ist nur für homosexuelle Männer, jeder Tag endet mit einer Party, die Nächte enden fast nie. Die Veranstaltungen sind farb- und kostümcodiert, deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn die Passagiere anfangs über das Gewicht ihrer Koffer lästern. Zwar trägt man tagsüber geschmackvoll Badehose, aber auf den abendlichen Feiern darf es an Opulenz nicht mangeln. Federn, High Heels, Korsetts, Harnische, Capes, Perücken oder Petticoats sind nur ein Bruchteil der spektakulären Accessoires.

Auf der Fahrt greift Regisseur Tristan Ferland Milewski einzelne Männer aus den zahlreichen Nationalitäten heraus, einen Polen, einen Palästinenser, einen Inder, einen Fotografen aus Österreich, einen Franzosen im Rollstuhl. Sie erzählen, wie es ist, schwul zu sein in ihrer jeweiligen Heimat. Durch sie wird klar, was der eigentliche Traum dieser Kreuzfahrt ist. Während in Deutschland gerade die "Ehe für alle" eingeführt wird, haben andere genau eine Woche auf einem Schiff, in der sie sich nicht verstellen oder verstecken müssen. Zu Hause unterliegen sie den Tabus von Religionen, konservativen Familien, homophoben Gesellschaften oder einfach dem Strafrecht. Wer kann, wandert aus, der Palästinenser etwa lebt in Belgien. Er wirkt noch immer erstaunt, wenn er erzählt, dass Homosexuelle sich dort an die Polizei wenden können, die würde sich auch um ihre Rechte kümmern.

Viele Männer stehen regelmäßig Spalier, um ihre Gesichter der Kamera zu präsentieren. Seinen fünf Helden kann Milewski sehr persönliche Statements entlocken, sie reden über Sex und Sehnsucht, das wird manchmal so ernst, dass sie ein bisschen weinen müssen. Milewski fängt die Stimmung mit Bildern von Blowjobs im Morgengrauen auf, mit Liebespaaren nach durchtanzter Nacht. Er verleiht Sehnsucht und Sex eine ganz eigene Ästhetik. Und er erzählt ganz am Ende auch von den Konsequenzen, zu denen so eine Kreuzfahrt führen kann. Denn mancher verändert ja sein Leben, wenn er merkt, dass er gar nicht allein ist.

Dream Boat, Deutschland 2017 - Regie: Tristan Ferland Milewski. Kamera: Jörg Junge, Jakob Stark. Real Fiction, 92 Minuten.

© SZ vom 13.07.2017

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