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Dokument einer Freundschaft:Doppelzeugnis

Zwei Freunde, zwei Handschriften, ein Buch aus dem Schicksalsjahr für Deutschland und Europa: Der Kalender des Psychoanalytikers Max Eitingon für das Jahr 1933, das der Schriftsteller Arnold Zweig für ihn bewahrte und mit Notizen versah.

Max Eitingons Kalender mit den Notizen von Arnold Zweig im Archiv der Berliner Akademie der Künste.

(Foto: Rolf Walter/ xpress.berlin / Archiv der Akademie der Künste, Berlin)

Dieses fest eingebundene Büchlein mit Goldrand ist ein Dokument der Freundschaft und des Exils. Zwei Handschriften, zwei Zeiten, zwei Biografien überlagern sich darin. "Appointments" steht auf dem eleganten Produkt der Londoner Firma "John Walker & Co.", in goldener Schreibschrift. Es enthält einen Kalender für das Jahr 1933. Gedacht ist er für geschäftige Leute, für jede halbe Stunde lässt sich ein bevorstehender oder absolvierter Termin eintragen.

Sein erster Besitzer, der Psychoanalytiker Max Eitingon, ist auf dem Vorsatzblatt eingetragen (siehe unten), mit dem Ortsvermerk "B." für Berlin. Er hat den Kalender erworben, um darin die Termine für die Behandlungsstunden seiner Patienten einzutragen. Eitingon, 1881 als Sohn eines begüterten russisch-polnischen Pelzhändlers im heute weißrussischen Mogilew geboren, war in Leipzig aufgewachsen und als junger Mann schon vor dem Ersten Weltkrieg zum Anhänger Sigmund Freuds geworden. In Berlin, wo er seit 1909 lebte, hatte er lange auch in materieller Hinsicht zum Aufbau der Psychoanalyse beigetragen. 1933 trat er schweren Herzens den Gang ins Exil an. In Jerusalem wurde er Mitbegründer der "Palästinensischen Psychoanalytischen Vereinigung".

Kalender von Max Eitingon und Stefan Zweig

Hektik des damaligen Alltags: Der Kalender bot Platz für Termine im Halbstundentakt.

(Foto: Rolf Walter / xpress.berlin / Archiv der Akademie der Künste, Berlin)

Im Exil wurde Max Eitingon zum engen Freund des Schriftstellers Arnold Zweig, der 1933 über die Tschechoslowakei, die Schweiz und Sanary-sur-Mer nach Palästina gegangen war und seit 1934 mit seiner Frau in Haifa lebte. Zweig, 1887 im schlesischen Glogau geboren, war wie Eitingon früh zum Anhänger Freuds geworden. Zumal Freuds Schriften zum Ersten Weltkrieg hatten ihn tief geprägt, sein Roman "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (1927) zählt zu den erfolgreichen Antikriegsromanen der Weimarer Republik.

Seit 1927 korrespondierte Zweig mit Sigmund Freud, im von Max Eitingon und Ernst Simmel im Schloss Tegel begründeten psychoanalytischen Sanatorium traf er ihn in Berlin 1929 persönlich. Bei der einen Begegnung blieb es nicht. Man darf sich Freud als den unsichtbar anwesenden Dritten in der Exilfreundschaft zwischen Eitingon und Zweig vorstellen, die beide bis zu Freuds Tod mit ihm korrespondierten, ihn beide in dessen Exil in London besuchten, Zweig noch im Sommer 1939.

Kalender von Max Eitingon und Stefan Zweig

"Appointments" - Verabredungen in Goldprägedruck.

(Foto: Rolf Walter / xpress.berlin / Archiv der Akademie der Künste, Berlin)

Max Eitingon starb am 30. Juli 1943 in Jerusalem. Seine Frau Mirra übergab den "Appointments"-Kalender des Jahres 1933 dem Freund Arnold Zweig, der zeitlebens Notizhefte führte. So finden sich nun seine hingeworfenen Einträge neben den Patiententerminen des toten Freundes. 1948 kehrte Arnold Zweig mit seiner Frau, der Malerin Beatrice Zweig, aus dem Exil zurück. In Ost-Berlin wurde er zu einer Schlüsselfigur in der Kultur der jungen DDR. Er starb im November 1968. In seinem Nachlass im Archiv der Akademie der Künste in Berlin hat die Archivarin Maren Horn das Büchlein gefunden und mit der Analyse der Einträge begonnen. Viele Schätze des Arnold-Zweig-Nachlasses sind noch ungehoben.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir den Geburtsort Max Eitingons fälschlicherweise nach Galizien verlegt. Er wurde jedoch im damals russischen, heute weißrussischen Mogilew geboren; lebte in seiner Kindheit jedoch kurze Zeit im galizischen Butschatsch. Auch den Geburtsort Arnold Zweigs haben wir fälschlicherweise nach Sachsen verlegt. Korrekt ist, dass er im schlesischen Glogau geboren wurde.

© SZ vom 01.02.2020/cat

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