Dokumentarfilm:"Wenn ich groß bin, werde ich ein Mädchen"

Lesezeit: 4 min

Film Kleines Mädchen

Zu Hause darf Sasha die sein, die sie ist. In der Schule muss sie darum kämpfen.

(Foto: Salzgeber)

Die siebenjährige Sasha ist als Junge auf die Welt gekommen, will aber keiner sein. Sébastien Lifshitz' Film nähert sich ihr mit großer Zärtlichkeit.

Von Julia Meidinger

Kaltes Dämmerlicht fällt durch das Dachfenster, ein Mädchen im Halbdunkel: Mühsam zieht es sich ein mit Pailletten besticktes Kleid über, man hört nur seinen Atem, der vor Anstrengung lauter wird. Von draußen dringen Stimmen ins Zimmer. Das Mädchen ist versunken in sein eigenes Spiegelbild. Es streift sich ein weißes Stirnband über die dunklen Haare, die wie ein Rahmen um das schmale Gesicht fallen. Es murmelt: "Vielleicht." Und legt es wieder ab. Danach probiert es ein schwarz-goldenes Haarband: "Das vielleicht auch."

Zu Hause ist Sasha ein Mädchen, trägt Kleider und Kopfschmuck. In der Schule ist sie ein Junge und trägt Shorts. Mutter, Bruder und Schwester sagen: "Sasha ist ein Mädchen, gefangen in einem Jungenkörper." Bereits mit drei, so erzählt ihre Mutter, habe Sasha verkündet: Wenn ich groß bin, werde ich ein Mädchen. Als ihre Mutter entgegnet, dass das nicht möglich ist, bricht Sasha in Tränen aus. Während der Filmaufnahmen ist Sasha sieben Jahre alt. Der französische Regisseur Sébastien Lifshitz hat sie und ihre Familie ein Jahr lang begleitet. Er schildert die Zerrissenheit eines Kindes, das zu Hause ein Mädchenzimmer hat und in der Schule auf die Jungentoilette gehen muss. Und er erzählt von einer Mutter, die dafür kämpft, dass Sasha auch außerhalb ihrer Familie als Mädchen akzeptiert wird.

Man sieht: Sasha, wie sie im weißen Blümchenkleid und mit goldenen Riemchenschuhen durch den Hof tanzt und einen roten Regenschirm durch die Luft wirbelt. Sashas Mutter, wie sie ihre Tochter im noch dunklen Kinderzimmer wachküsst, nur die Silhouetten der beiden sind erkennbar. Sasha, ihre Eltern und drei Geschwister auf einer Picknickdecke, alle eng aneinander gekuschelt. In Sébastien Lifshitz' Dokumentarfilm wirkt keine dieser Szenen inszeniert. Beinahe zärtlich fängt er die Vertrautheit und Intimität einer Familie ein, die wie ein Kokon ihr verletzlichstes Mitglied, Sasha, umschließt.

Es ist unmöglich, nicht mit ihr mitzufühlen

Sasha und ihre Mutter treffen in Paris eine Kinderpsychiaterin. Die diagnostiziert bei Sasha eine "Störung der Geschlechtsidentität im Kindesalter", wie sie in ihrem Befund schreibt. Dieses "Papier", so nennt es Sashas Mutter, soll alles ändern. Zumindest hofft sie das. Die Schule verlangt etwas Handfestes, damit Sasha auch dort ein Mädchen sein darf. Für Sashas Mutter ist es der Beweis, dass "weder Sasha noch ich verrückt sind." Sashas Mutter spricht mit der Ärztin über ihre eigenen Schuldgefühle, über Sashas unsensible Lehrer und Attacken von Mitschülern, immer wieder versagt ihre Stimme.

Sasha schweigt, weicht dem Blick der Ärztin aus. Die will wissen, warum Sasha traurig ist. Das Mädchen zuckt nur mit den Schultern und lächelt verschämt. Die Kamera ist die ganze Zeit über nah an ihrem Gesicht, jede Regung ist sichtbar: Während Sasha lächelt, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Sie reibt sich mit einem Tuch die Augen, lange, als könne sie so alles wegwischen: Die Demütigungen in der Schule, die ständige Sorge ihrer Mutter und die eigene Angst. Die Ärztin hakt nochmal nach, fragt: "Kommen dir die Tränen wegen der Schule?" Sasha antwortet wieder nicht, aber nickt leicht. Und dann laufen ihr Tränen die Wangen hinunter, ihr Gesicht ist verzerrt, als hätte sie Schmerzen. Sie weint lautlos. Sashas Schmerz überträgt sich in dem Moment auf den Zuschauer, es ist unmöglich, nicht mitzufühlen.

Doku Kleines Mädchen

Sasha im Ballettunterricht.

(Foto: Salzgeber)

Sasha spricht selten selbst, oft können andere nur mutmaßen, was in ihrem Kopf vor sich geht. Oder sich auf die Erzählungen der Mutter stützen. Die vielen Großaufnahmen ihres Gesichts wirken wie der Versuch, Sasha nahezukommen - zumindest physisch. Doch während sich Sasha immer wieder verschließt, öffnet sich ihre Mutter immer mehr. Der Film ist so nah an ihr dran, dass er auch ihre Positionen übernimmt: Den gesamten Film über fungieren Sashas Lehrer und der Direktor als Antagonisten der Familie. Sie wollen Sasha "auf den rechten Weg bringen", wollen sie nicht mit "sie" ansprechen, sie sind der Grund, warum auch andere Kinder mit ihr ein Problem haben.

Sébastien Lifshitz verzichtet darauf, den Positionen der Gegenseite in seinem Film Raum zu geben. Dadurch lässt er das Publikum mit Fragen zurück: Warum darf Sasha keine Kleider in der Schule anziehen? Warum respektiert ihre Lehrerin nicht den Wunsch Sashas, als Mädchen angeredet zu werden? Das Verhalten von Sashas Lehrern erscheint so hart und grausam, dass man sich eine Erklärung wünscht. Doch die bleibt der Film schuldig. Dass der Film seinen Protagonisten so nahekommt, ist seine größte Stärke und zugleich aber auch seine Schwäche. Denn dadurch bleiben wichtige Fragen offen.

Sashas Blick ist fest auf das große Mädchen neben sich geheftet

In "Kleines Mädchen" geht es ums Anderssein. Dabei will Sasha nicht anders, sondern ein Mädchen sein und beobachtet vor allem die weiblichen Personen in ihrer Umgebung genau. So auch beim wöchentlichen Ballettunterricht, wo sie offiziell ein Junge ist: Sasha trägt ein lilafarbenes Langarmshirt und schwarze Leggins, die Mädchen drum herum tragen alle weiße Ballett-Tutus. Sasha blickt immer wieder zu dem Mädchen mit den hochgesteckten Locken rechts neben sich, es ist einen Kopf größer.

Die beiden schreiten wie in Zeitlupe auf den großen Spiegel am anderen Ende des Saales zu, Sashas Blick ist fest auf das Mädchen neben sich geheftet. Das breitet seine Arme aus und ahmt mit ihnen einen langsamen, zarten Flügelschlag nach. Sasha versucht es ihr gleichzutun, da ertönt die Stimme der Tanzlehrerin: "Mach, wie du es willst, Sasha. Du musst es deiner Freundin nicht nachmachen." Mit zarten Schritten bewegt sich Sasha vorwärts, streichelt den Boden mit ihren Fußspitzen. So vorsichtig, als hätte sie Angst, der Boden könne jede Sekunde unter ihr einbrechen. Ihre Augen wandern trotzdem immer wieder zu dem anderen Mädchen.

Zu Hause wird sie sagen: "Ich liebe Kleider. Irgendwann werde ich auch beim Ballett eines tragen." Doch so weit wird es, zumindest im Film, nicht kommen. "Kleines Mädchen" lehrt, schmerzlich, dass einige (noch) nicht bereit sind, ihr starres Verständnis von Geschlechtern zu hinterfragen. Doch Sébastien Lifshitz' mutige Protagonistinnen machen Hoffnung auf Veränderung: Nach langem Kampf darf Sasha auch in der Schule ein Mädchen sein. Jeder Mensch habe im Leben eine bestimmte Aufgabe, sagt Sashas Mutter. "Und Sashas Aufgabe ist es, die Einstellungen der Menschen zu ändern."

Petite Fille, F 2020 - Regie und Buch: Sébastien Lifshitz. Kamera: Paul Guilhaume. Schnitt: Pauline Gaillard. Salzgeber, 85 Minuten. Auf DVD und als Video-on-demand, z.B. über Vimeo.

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