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Doku "Germans & Jews":Kompliziertes Miteinander

Germans and Jews

Der Dokumentarfilm „German & Jews“ widmet sich dem emotional belasteten Verhältnis zwischen Juden und Deutschen.

(Foto: W-Film)

In ihrem Dokumentarfilm "Germans & Jews" porträtiert Janina Quint deutsche Geschichte und Gegenwart.

Von Anna Steinbauer

Kann man als Jude in Deutschland leben? In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander: 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs besitzt Berlin die am schnellsten wachsende jüdische Bevölkerung in Europa. Gleichzeitig häufen sich die Medienberichte über antisemitische Beleidigungen, Übergriffen und Anschlagsversuche auf Synagogen wie in Halle im Herbst 2019. Der Dokumentarfilm "German & Jews - Eine neue Perspektive" widmet sich dem komplexen, emotional belasteten Verhältnis zwischen Juden und Deutschen. Ein Kinoprojekt, das Corona-bedingt derzeit beim Verleih W-Film als Video on Demand im Netz abrufbar ist.

Der Film, der von der deutschen Regisseurin Janina Quint in Zusammenarbeit mit ihrer amerikanisch-jüdischen Freundin und Produzentin Tal Recanati gedreht wurde, setzt auf lebendigen Austausch und nähert sich der schwierigen Beziehung aus unterschiedlichen Perspektiven. Bei einem arrangierten Abendessen in Berlin treffen Juden und Deutsche der zweiten Generation nach dem Krieg aufeinander. Die Gesprächssituation ist zwar ein bisschen gestellt, macht die Diskussion aber nicht weniger interessant. Es geht um Opfer, Täter, Schuld, gesellschaftlichen Wandel und ein schweres geschichtliches Erbe, das beide Seiten miteinander verbindet. Viele Fragen werden aufgeworfen, einfache Antworten gibt es nicht.

Da ist die Jüdin, der von ihrem nach Israel geflüchteten Vater eingebläut wurde, dass es nur zwei Arten von Menschen gebe: Juden und Nazis. Dann gibt es den deutschen Familienvater, der sich als Patriot der Demokratie und Menschenrechte bezeichnet und den israelischen Künstler, der sich in Berlin sicherer als in seiner Heimat fühlt. Der Film lässt all diese unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen Raum, ohne Schlussfolgerungen aufzudrängen oder eine Deutungshoheit zu beanspruchen.

Das Trikot der deutschen Nationalmannschaft ist heute kein Tabu mehr für Juden in Deutschland

Interviews unter anderem mit dem mittlerweile verstorbenen Historiker Fritz Stern, dem Sozialpsychologen Harald Welzer oder dem Sänger Herbert Grönemeyer sowie die nötigen historischen Hintergrundinformationen ergänzen diese sehenswerte Dokumentation. Dabei gerät auch ein interessantes, bisher eher selten dargestelltes Thema in den Fokus: Die Rückkehr von 27 000 Juden nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Was es bedeutete, ein Leben unter Tätern und Überlebenden zu führen, schildert der 1947 in Tel Aviv geborene Publizist Rafael Seligmann eindrücklich.

Seine Eltern waren 1934 vor den Nazis geflohen und kehrten mit ihm 1957 wieder nach Deutschland zurück, wo eine beklemmend antisemitische Atmosphäre herrschte: Mit Lehrern, die noch in der Nazizeit ausgebildet worden waren und einer Bevölkerung, die in Selbstmitleid badete und Kriegstraumata verdrängte. Doch Deutschland, so zeigt der Film, hat sich über Jahrzehnte hinweg durch Aufarbeitung der Vergangenheit, Anerkennung von Schuld, sowie Aufklärung und Diskussion zu einem Land entwickelt, das heute Wahlheimat vieler junger Israelis ist und in dem 200 000 Juden leben. Der Filmemacherin gelingt es, die politischen Ereignisse der Nachkriegsgeschichte mit einer Bestandsaufnahme deutsch-jüdischer Beziehung zu verweben. Als jüdisches Kind sei es für ihn in den Siebzigern ein Tabu gewesen, das Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft zu tragen, erzählt ein Teilnehmer des Abendessens. Die heutige Generation hingegen trägt es mit großer Selbstverständlichkeit, darin sind sich alle einig.

Germans & Jews - Eine neue Perspektive, D 2020 - Regie: Janina Quint. Kamera: Adolfo Doring, Amanda Zackem. W-Film, 76 Minuten: http://germansandjews.kino.wfilm.de.

© SZ vom 28.05.2020

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