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Elfte Station in Bissau, Guinea-Bissau:Auch der Fernseher wirkt langsamer als sonst

Militär marschierte auf und gut frisierte Reporter sprachen in stakkatoartiger Geschwindigkeit schnelle Worte über die schnelle Welt. Diese Welt ist die richtige Welt, denn über sie wird berichtet. Die langsame Welt dauert zu lange. Die bleibt unsichtbar, weil sie ja, spräche man über sie in der schnellen Welt, in Zeitlupe wäre und dann muss sie schon etwas ganz ganz besonderes sein, denn Zeitlupe kommt nicht oft vor, nicht einmal im Kino.

Er erwachte mitten in der Nacht, weil sein Fsamsunge läutete. Er versuchte es zu ignorieren und zog sich das Leintuch über den Kopf, aber es läutete immer weiter. Er konnte sich nicht erinnern, es in den letzten Tagen überhaupt aufgeladen zu haben und seitdem er nicht mehr im Hotel wohnte, hatte er auch nur mehr selten Strom.

Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wer ihn wohl gerade anrief. Er erwachte schließlich doch vollends und stand auf - in gebotener Langsamkeit. Er suchte im stockdunklen Raum das Telefon. Als er es fand und abhob, legte der oder die ihn wohl angerufen hatte, auf. Er starrte auf die Nummer, aber erkannte sie nicht. Nicht einmal die Vorwahl erkannte er. Er starrte auf das Display und debattierte mit sich, ob er zurückrufen solle. So blieb er sitzen, bis es Morgen wurde.

Der Tag, der heraufdämmerte, war wie die anderen Tage, seit er hier angekommen war. Der Wind trieb ein bisschen Sand über die Straße, die Sonne schien und der Nescafe schmeckte, wie er eben schmeckt.

Beim Fernseher im Monte Carlo hatte jemand vor Tagen den Ton abgedreht und niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihn wieder aufzudrehen. So stumm geschaltet, wirkte auch der Fernseher langsamer als sonst. Als hätte das Fehlen des Tones ihm die behauptete Unmittelbarkeit geraubt.

Alle trugen rote Zipfelmützen

Er gewöhnte sich an, während des Mittagessens wieder zuzuschauen und lernte nach einem Monat die Lippen zu lesen, nach einem weiteren konnte er die Texte live mitsprechen. Nur schade, dass er selbst kein Portugiesisch sprach. Doch allem Anschein nach war Russland wieder größer und Deutschland wieder dritter bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien geworden. Der neue Präsident hatte immer noch eine rote Zipfelmütze. Und sein Handy läutete immer noch jede Nacht.

An einem Dienstag hob er ab. Da er selbst am anderen Ende der Leitung war, wusste er nicht, was sprechen. Er wusste ja schon viel zu genau, was er sagen würde, wenn er sich selbst etwas fragte. Und wahrscheinlich war es ja auch ein einfach erklärbares Delay - wo man früher oft und heute noch manchmal - bei Ferngesprächen seine eigene Stimme hört.

Er blieb bis zum Morgen sitzen und schaute aus dem Fenster. Der Tag, der heraufdämmerte, war wie die anderen Tage, seit er hier angekommen war. Der Wind trieb ein bisschen Sand über die Straße, die Sonne schien und der Nescafe schmeckte, wie er eben schmeckt.

Und doch war alles anders an diesem Tag. Denn als er auf die Straße trat, trugen alle rote Zipfelmützen. Sie taten, was sie immer taten und taten es in aller ihnen gebotenen Langsamkeit. Sie kochten, sie verkauften, sie schlugen fröhlich zur Begrüßung ein, sie lachten herzlich, sie putzten vor ihrer Haustüre, sie telefonierten - aber alle, alle trugen eine rote Zipfelmütze.

Der Besitzer des Monte Carlo, ein aus Portugal geflohener Kleinkrimineller, der exzellent Deutsch sprach und auf das Schönste tätowiert war, nahm ihn zur Seite und riet ihm, schnellstmöglich das Land zu verlassen. Das was sich da abspiele, könne man nur als Revolution verstehen. Und in solchen Zeiten wäre es doch besser, woanders zu sein.

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