Doku-Blog aus Galahun, Sierra Leone Die Schlafenden

Und dann war es mit einem Mal klar: die ganze Stadt schlief. Er fand kein Geschäft, in dem jemand wach gewesen wäre. Er sah keine Veranda, auf der man nicht friedlich schlummerte, und keine Seele, die nicht träumte.

(Foto: Attila Boa)

Auf seiner Weltreise macht Dokumentarfilmer Michael Glawogger Station in Galahun im westafrikanischen Sierra Leone. Dort stellt er fest, dass die Menschen andauernd öffentlich schlafen. Wenn es sein muss, ruht die ganze Stadt am hellichten Tag.

Von Michael Glawogger

Und dann war es mit einem Mal klar: die ganze Stadt schlief. Er fand kein Geschäft, in dem jemand wach gewesen wäre. Er sah keine Veranda, auf der man nicht friedlich schlummerte, und keine Seele, die nicht träumte.

Es war schon zu normal, als dass es ihm besonders aufgefallen wäre. Er bemerkte wohl, dass hier öfter als sonst Menschen irgendwo öffentlich schliefen. Aber das gehörte zum Alltag. Die Leute schliefen in den Küchen, bei der Arbeit, am Straßenrand, in Geschäften, in Autos, auf Feldern und mitten auf dem Markt.

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Der Schlaf, den er sah, hatte etwas ganz außergewöhnlich Friedliches. Es war kein Schlaf der Erschöpfung oder gar der Verzweiflung. Die Menschen wirkten entspannt. Ihre Köper meist langgestreckt, als würden sie sich erst in dieser Haltung zu voller Länge und Schönheit entfalten.

Das gehörte zum Bild, und so bemerkte er nur nebenbei, dass die Schläfer mehr und mehr wurden. Sie zu sehen, machte ihn selbst oft müde, und er hätte sich gerne einfach dazugelegt. Wahrscheinlich hätte das auch niemand als seltsam empfunden. Wenn man schlafen musste, dann schlief man.

Galahun fing irgendwo an, wie alle kleinen Städte - ansatzlos. Gerade war noch Wald, hohe Bäume, abgefackelter Busch, dann eine Schule zur Rechten, ein paar einfache Häuser zur Linken. Ortsschild gab es keines, nur eine der üblichen Straßensperren. Ein Seil mit bunten Plastikfetzen, das über die Staubstraße gespannt war, und ein schlafender Polizist, der in einer kleinen, mit Palmwedeln überdachten Hütte saß.

Als sich das Auto näherte, stand er schlaftrunken auf, nahm Haltung an und schritt gewichtig zur Fahrerseite. Die Freundlichkeiten waren schnell ausgetauscht, die Formalitäten erledigt, und als er weiterfuhr, sah er im Rückspiegel, wie sich der Mann wieder hinsetzte und sofort wieder einzuschlafen schien.

Der Kopf sucht den Schlaf

Er hielt auf dem Marktplatz in der Mitte der Stadt. Die hölzernen Stände waren allesamt leer. Sie kündeten zwar von lebendigem Treiben, doch das war ausgesetzt. Ein paar Jugendliche schliefen auf den Verkaufstischen, und Frauen in bunten Kleidern saßen daneben oder lagen auf dem grauen Granitboden - schlafend. Ein großgewachsener Mann mit abstehenden Ohren und kahlgeschorenem Kopf saß aufrecht in einem ausgebauten Autositz. Sein Kopf fiel wieder und wieder nach hinten und suchte den Schlaf. Der Mann erwachte immer gerade so viel, um seinen Kopf wieder in eine aufrechte Haltung zu bringen, aus der er sogleich wieder nach hinten wegsackte.

Diese Bewegung wurde von einem angeketteten Affen unterstrichen, der aufgeregt und sinnlos gegen die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit ankämpfte. Drei Kinder trieben einen alten Fahrradreifen vor sich her, wurden dabei aber langsamer und langsamer und ließen sich schließlich müde zu Füßen einer Schlafenden nieder, die wohl ihre Mutter sein musste.

Alle Cassava-Blätter waren gegessen, alle Hühner zerteilt

Eine Albino-Frau lag auf der betonierten Fläche neben den Zapfsäulen einer aufgelassenen Tankstelle und bemerkte nicht, wie ihre Freundin zärtlich die ungewöhnliche weiß-rosa Haut ihrer Unterarme streichelte, bevor sie selbst vom Schlaf übermannt wurde.

Und dann war es mit einem Mal klar: die ganze Stadt schlief. Er fand kein Geschäft, in dem jemand wach gewesen wäre. Er sah keine Veranda, auf der man nicht friedlich schlummerte, und keine Seele, die nicht träumte. Es war keine "grüne Wolke" über Galahun gekommen, die Menschen hier waren nicht zu Stein geworden, und kein ausströmendes Gas hatte ihnen das Bewusstsein genommen.

Es war ein Moment, ein Moment in diesem Leben, in dem es gerade nichts anderes zu tun gab, als sich dem Schlaf hinzugeben. Alles Essen war gekocht, alle Cassava-Blätter gegessen, alle Fufus für den Abend hergerichtet, und alle Hühner zerteilt. Da und dort fiel eine reife Mango träge zu Boden, und die Haarsträhne einer Madame kräuselte sich im aufkommenden Wind.