Doku "An Open Secret":Zu brisant: Einige Festivals luden den Film erst ein und dann wieder aus

An Open Secret

Naivität und Ehrgeiz ermöglichen das große Missbrauchsnetz: Ausschnitt aus der Strafakte gegen Marc Collins-Rector, der 2004 wegen Sexualstraftaten verurteilt wurde, die er an Kindern begangen hatte.

(Foto: An Open Secret)

Viel zu oft scheinen die Erziehungsberechtigten den in Aussicht gestellten Erfolg nicht infrage zu stellen. Und die Kinder bewahren aus Angst und Scham Stillschweigen. Ebenso die schon etwas älteren Jungs, die mit Alkohol und Drogen zu Poolpartys in die Villen von Filmbossen und anderen Strippenziehern gelockt werden.

Wie diese Männer sich im Umfeld ihrer Opfer Vertrauen erschleichen und unentbehrlich machen, wie perfide sie die Kinder gefügig bekommen und sich mit anderen Tätern vernetzen - davon zeichnet Berg in ihrer gewohnt nüchtern inszenierten Dokumentation ein brutal klares Bild.

Es offenbart sich ein Missbrauchsnetz, zu dem auch Hintermänner gehören, die Fotos der Opfer im Internet verkaufen oder die, quasi in der Zuhälterrolle, die Jungs ihren Peinigern zuführen. Die Berührungspunkte der hier präsentierten Fälle sind zahlreich. Die Abgebrühtheit und das mangelnde Schuldbewusstsein der Täter sind erschreckend.

Einen von ihnen, Michael Harrah, bekommt die Regisseurin sogar vor die Kamera. Eines seiner längst erwachsenen Opfer ringt ihm im Film während eines Telefonats eine Art Geständnis ab. Immerhin, seinen Posten hat der ältere Herr kurz nach dem Interview mit Berg niedergelegt, verkündet eine Texttafel am Ende des Films. Er hatte bei der Schauspielergewerkschaft SAG ausgerechnet den Vorsitz des Jugendkomitees inne.

Den Zuschauer beschleicht schnell der Verdacht, dass es sich bei den Fällen aus "An Open Secret" nur um die Spitze des Eisbergs handelt - obwohl oder gerade weil Berg bloße Spekulationen meidet. Alle Fälle sind dokumentiert und mit rechtskräftigen Urteilen abgeschlossen worden.

Fast alle Täter arbeiten noch oder wieder in Hollywood

Deswegen wird auch Bryan Singer, der prominente Blockbuster-Regisseur, im Film nie als Schuldiger benannt. Zwar zeigt Berg die Nähe einiger von ihr porträtierten Täter zum Schöpfer der erfolgreichen "X-Men"-Superheldenfilme auf. Doch dass Singer selbst im vergangenen Jahr von mehreren Männern des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wurde bleibt, da unbewiesen, unerwähnt.

Gabe Hoffman, einer der Produzenten des Films, erklärte dazu in Cannes: "Die Anklagen und Vorwürfe gegen Singer wurden erst erhoben, als die Dreharbeiten so gut wie abgeschlossen waren."

"An Open Secret" entlässt seine Zuschauer gerade wegen seiner peniblen, trotz des Themas unaufgeregten Recherche, mit einem mulmigen Gefühl. Fast alle der verurteilten Täter arbeiten aktuell noch oder wieder in Hollywood, fast immer im unmittelbaren Umfeld von Kindern und Jugendlichen.

Kein Verleih wollte den Film in die Kinos bringen

Um die Filmbranche aus diesem Stadium des Ignorierens und Ausblendens zu reißen, müsste Bergs Film erst einmal ein großes Publikum finden. Ob das gelingt, bleibt aber fraglich. Denn die Filmfestivals von Toronto, London und Los Angeles zum Beispiel hatten "An Open Secret" im vergangenen Jahr zunächst ein-, wenig später aber ohne Angabe von Gründen wieder ausgeladen, berichtet Produzent Hoffman. Lediglich bei einem Dokumentarfilm-Festival in New York gab es eine US-Premiere. Kein Verleih wollte den Film in die Kinos bringen.

Nur weil Hoffmann und ein Partner, die eigentlich beide mit der Branche nichts zu tun haben, eigenes Geld investiert haben, gibt es ihn seit vergangener Woche in einigen amerikanischen Städten zu sehen. New York, Seattle und Denver finden sich auf der Webseite der Filmemacher als Spielorte. In Los Angeles läuft er nicht.

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