Doku "An Open Secret":Pädophilie in Hollywood

Filmplakat für "An Open Secret"

Filmplakat für "An Open Secret": Der Ruhm lockt, doch im Rücken lauert der Ratgeber.

(Foto: An Open Secret)
  • Der Dokumentarfilm "An Open Secret" kommt in diesen Tagen mit wenigen Kopien in einige ausgewählte US-Kinos.
  • Kein Verleih wollte den Film in die Kinos bringen. Es heißt, Hollywood wolle nicht, dass er eine weite Verbreitung findet. Es geht um die Mechanismen der Pädophilie im Filmgeschäft.

Von Patrick Heidmann

"Der Film, von dem Hollywood nicht will, dass Sie ihn sehen." So wurde während des Festivals von Cannes die Dokumentation "An Open Secret" beworben, die in diesen Tagen mit wenigen Kopien in einige ausgewählte US-Kinos kommt - und trotzdem großes Aufsehen erregt.

Amy Berg, die Regisseurin des Films, ist zwar bereits mit dem Emmy ausgezeichnet und für den Oscar nominiert worden. Die Europa-Premiere ihres neuen Films fand in Cannes aber dennoch fernab des Blitzlicht-Glamours an der Croisette statt, in einem ziemlich in die Jahre gekommenen Kino hinter der Fußgängerzone. Hollywood will ja nicht, dass wir ihn sehen.

Der Grund dafür, dass man in Los Angeles nicht sonderlich erpicht auf "An Open Secret" ist, liegt auf der Hand. Denn Berg widmet sich in ihrer Doku einer albtraumhaften Schattenseite der Traumfabrik, von der man bislang kaum etwas gehört hat.

Neun Jahre, nachdem Berg in ihrer preisgekrönten Doku "Erlöse uns von dem Bösen" sexuellen Missbrauch und Pädophilie in der katholischen Kirche unter die Lupe nahm, widmet sie sich genau diesem Thema wieder - diesmal im Filmgeschäft.

Evan heißt einer ihrer Protagonisten, der auch zur Aufführung nach Cannes gekommen ist. Zart und jung wirkt der 21-Jährige auf der Bühne nach der Premiere - genauso wie im Film. Noch nicht ganz erwachsen und deutlich gezeichnet von der Geschichte, die er in "An Open Secret" erzählt.

Der Agent schien einen guten Job zu machen

Schon als Kind wollte Evan ins Showgeschäft und vor die Kamera, sein etwas älterer Cousin hatte bereits einen Fuß in der Tür. Ihr Agent Marty Weiss, auf Jungschauspieler spezialisiert, schien einen guten Job zu machen.

Schnell wurde der nette Mittvierziger in Evans Elternhaus mit offenen Armen begrüßt. Die Eltern vertrauten ihm ihren Sohn an, und bei Familienfeiern war er ein gern gesehener Dauergast, wie Regisseurin Berg mit Heimvideos belegt. Dass dies der gleiche Mann war, der ihrem Kind bei nächtlichen Autofahrten seinen Penis zeigte und ihn zum Oralsex drängte, ahnten Evans Eltern nicht.

Neben Evan kommen in "An Open Secret" noch eine Handvoll weiterer junger Männer zu Wort, allesamt Opfer ähnlicher Verbrechen, mutig genug, sich unverpixelt und ohne falschen Namen vor die Kamera zu setzen und ihre Geschichte zu erzählen. Einer von ihnen, durch seine Erlebnisse in die Alkohol- und Drogensucht getrieben, ist inzwischen pflegebedürftig.

Naiver Ehrgeiz der Opfer

Einzelfälle? Zunächst einmal ja. Doch das Erschütternde sind die systematischen Strukturen, die der Film dahinter sichtbar macht. Denn die Geschichten verlaufen immer erschreckend ähnlich: naiv-ehrgeizige Kinder kommen mit großen Hoffnungen nach Hollywood, wo sie zur leichten Beute pädophiler Talentsucher, Manager und Agenten werden, in deren Obhut sie die meist ähnlich naiv-ehrgeizigen Eltern geben.

Ist es wirklich normal, wenn ein erwachsener Mann sein Haus mit einer ganzen Reihe minderjähriger Schützlinge ohne elterliche Aufsicht teilt? Das fragt Anne Henry von der Familienorganisation BizParentz an einer Stelle im Film.

Zu brisant: Einige Festivals luden den Film erst ein und dann wieder aus

An Open Secret

Naivität und Ehrgeiz ermöglichen das große Missbrauchsnetz: Ausschnitt aus der Strafakte gegen Marc Collins-Rector, der 2004 wegen Sexualstraftaten verurteilt wurde, die er an Kindern begangen hatte.

(Foto: An Open Secret)

Viel zu oft scheinen die Erziehungsberechtigten den in Aussicht gestellten Erfolg nicht infrage zu stellen. Und die Kinder bewahren aus Angst und Scham Stillschweigen. Ebenso die schon etwas älteren Jungs, die mit Alkohol und Drogen zu Poolpartys in die Villen von Filmbossen und anderen Strippenziehern gelockt werden.

Wie diese Männer sich im Umfeld ihrer Opfer Vertrauen erschleichen und unentbehrlich machen, wie perfide sie die Kinder gefügig bekommen und sich mit anderen Tätern vernetzen - davon zeichnet Berg in ihrer gewohnt nüchtern inszenierten Dokumentation ein brutal klares Bild.

Es offenbart sich ein Missbrauchsnetz, zu dem auch Hintermänner gehören, die Fotos der Opfer im Internet verkaufen oder die, quasi in der Zuhälterrolle, die Jungs ihren Peinigern zuführen. Die Berührungspunkte der hier präsentierten Fälle sind zahlreich. Die Abgebrühtheit und das mangelnde Schuldbewusstsein der Täter sind erschreckend.

Einen von ihnen, Michael Harrah, bekommt die Regisseurin sogar vor die Kamera. Eines seiner längst erwachsenen Opfer ringt ihm im Film während eines Telefonats eine Art Geständnis ab. Immerhin, seinen Posten hat der ältere Herr kurz nach dem Interview mit Berg niedergelegt, verkündet eine Texttafel am Ende des Films. Er hatte bei der Schauspielergewerkschaft SAG ausgerechnet den Vorsitz des Jugendkomitees inne.

Den Zuschauer beschleicht schnell der Verdacht, dass es sich bei den Fällen aus "An Open Secret" nur um die Spitze des Eisbergs handelt - obwohl oder gerade weil Berg bloße Spekulationen meidet. Alle Fälle sind dokumentiert und mit rechtskräftigen Urteilen abgeschlossen worden.

Fast alle Täter arbeiten noch oder wieder in Hollywood

Deswegen wird auch Bryan Singer, der prominente Blockbuster-Regisseur, im Film nie als Schuldiger benannt. Zwar zeigt Berg die Nähe einiger von ihr porträtierten Täter zum Schöpfer der erfolgreichen "X-Men"-Superheldenfilme auf. Doch dass Singer selbst im vergangenen Jahr von mehreren Männern des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wurde bleibt, da unbewiesen, unerwähnt.

Gabe Hoffman, einer der Produzenten des Films, erklärte dazu in Cannes: "Die Anklagen und Vorwürfe gegen Singer wurden erst erhoben, als die Dreharbeiten so gut wie abgeschlossen waren."

"An Open Secret" entlässt seine Zuschauer gerade wegen seiner peniblen, trotz des Themas unaufgeregten Recherche, mit einem mulmigen Gefühl. Fast alle der verurteilten Täter arbeiten aktuell noch oder wieder in Hollywood, fast immer im unmittelbaren Umfeld von Kindern und Jugendlichen.

Kein Verleih wollte den Film in die Kinos bringen

Um die Filmbranche aus diesem Stadium des Ignorierens und Ausblendens zu reißen, müsste Bergs Film erst einmal ein großes Publikum finden. Ob das gelingt, bleibt aber fraglich. Denn die Filmfestivals von Toronto, London und Los Angeles zum Beispiel hatten "An Open Secret" im vergangenen Jahr zunächst ein-, wenig später aber ohne Angabe von Gründen wieder ausgeladen, berichtet Produzent Hoffman. Lediglich bei einem Dokumentarfilm-Festival in New York gab es eine US-Premiere. Kein Verleih wollte den Film in die Kinos bringen.

Nur weil Hoffmann und ein Partner, die eigentlich beide mit der Branche nichts zu tun haben, eigenes Geld investiert haben, gibt es ihn seit vergangener Woche in einigen amerikanischen Städten zu sehen. New York, Seattle und Denver finden sich auf der Webseite der Filmemacher als Spielorte. In Los Angeles läuft er nicht.

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