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Dokfilm: "Auf Teufel komm raus":Es ist unter uns

Jagdszenen aus Nordrhein-Westfalen: Der Dokumentarfilm "Auf Teufel komm raus" zeigt, wie die Nachbarschaft auf einen Sexualstraftäter reagiert. Eine Provinzposse, in der das Lächerliche sich mit dem Perversen verzahnt.

Chronik einer Belagerung, Jagdszenen aus Nordrhein-Westfalen, Mobbing auf offener Straße, Hetze gegen einen Bürger. Raus du Sau ...

Kino

Heinsberg-Randerath, ein Ort in der Nähe von Aachen.

(Foto: Real Fiction Filmverleih)

Kein gewöhnlicher Bürger ist das natürlich, Karl D. ist ein Sexualtäter, der nach Verbüßen seiner Strafe Anfang 2009 wieder aus dem Gefängnis kam. Gutachter attestierten, dass er weiterhin unberechenbar und gefährlich sei, ihre Argumente genügten jedoch nicht, um eine nachträgliche Sicherungsverwahrung anzuordnen. Karl D. suchte Zuflucht bei der Familie.

Heinsberg-Randerath, ein Ort in der Nähe von Aachen. Seit Karl in dem Haus seines Bruders Helmut eingezogen ist, sind die Jalousien auf der Straßenseite runtergezogen, mit einem Fernglas beobachten die Brüder aus dem dunklen Zimmer heraus, was sich auf der Straße vor dem Haus tut. Bürger sammeln sich, skandieren Sprechchöre, placieren Plakate, rufen zu Demonstrationen auf. Sie wollen den gefährlichen Sextäter nicht in ihrer Nachbarschaft.

Manchmal gibt es Grillpartys. Ums Eck stehen Polizeiautos, sie sollen den Entlassenen 24 Stunden beobachten, aber auch Eskalation verhindern. Sie ducken sich weg und reden, von frustrierten Bürgern angesprochen, von ihrem "taktischen Konzept". Taktisches Konzept, pah, im Auto sitzen und Zeitung lesen ...

Mareille Klein und Julie Kreuzer, zwei Studentinnen von der Hochschule für Fernsehen und Film München, haben fast ein Jahr das Geschehen in Heinsberg-Randerath beobachtet und gefilmt. Sie sind nah dran, und das auf beiden Seiten, sind in Helmuts Haus wie bei den Protestlern draußen.

Sind zu nah dran, war immer wieder der Vorwurf von Kritikern und Zuschauern, seit der Film in Hof und auf weiteren Festivals gezeigt wurde, zuletzt auf dem Dokfest in München. Einen Mindestabstand zu den Monstern in Natur und Gesellschaft - das hat gerade das Kino, das Dokumentarkino immer kühn und lustvoll ignoriert.

Es dauert, bis man Karl D. im Film zu Gesicht bekommt. Er spielt mit Helmuts Sohn, mit dem Hund, betont seine Unschuld in einem der Vergewaltigungsfälle. Er wirkt verklemmt, verkrampft beim Versuch Normalität zu suggerieren, schon deshalb tut man sich schwer, ihn irgendwie sympathisch zu finden. Auch auf der anderen Seite wird am Image von Normalität gewerkelt, eine Dreiergruppe junger Frauen tut sich dabei hervor, schreibt einen Brief an Helmut, trifft sich schließlich sogar zum Gespräch mit dem verhassten Karl.

Der Film hat immer wieder komische Momente, eine Provinzposse, in der das Lächerliche immer wieder sich mit dem Perversen verzahnt. Der Täter Karl wird auch als das tapfere Schneiderlein bezeichnet - er hat zwei Opfern mit einer Nadel die Schamlippen zugenäht. Schon beim reinen Tatbestand scheint sich die Sprache zu sträuben: "Also, drei Mädchen hat er ... unseres Wissens ... na, vergewaltigt, und zwei dann noch ... zugerichtet ... Gequält!"

Einmal sieht man Helmut mit einem Knüppel in der Hand vor seinem Haus auf und abgehen, er würde am liebsten dreinschlagen. Die ganze Geschichte hat ihm einige Anzeigen und eine Herzattacke eingebracht.

Es geht fundamentalistisch zu auf beiden Seiten - sie wollen uns ins Böse stellen, sagt Helmut verbittert. Als gäbe es keine Möglichkeit für diese Gesellschaft, mit Moral und Menschlichkeit pragmatisch umzugehen. Das Unvorstellbare, das Perverse - der Film macht unerbittlich klar, dass es dabei immer auch um Normalität geht. Um die Sehnsucht nach dem, was man normal nennen könnte.

Einen Riss bekommt der Film plötzlich in der Mitte, als eine der selbstgerechten demonstrierenden Frauen von einer Vergewaltigung erzählt und man merkt, da geht es nicht um Karl D., sondern um eine eigene Erfahrung.

Das Perverse ist das, was nicht lokalisierbar ist in den Vorstellungen der Gesellschaft. Einmal sieht man Hektik unter den Demonstranten entstehen, weil man nicht weiß, ob Karl womöglich unbemerkt das Haus verlassen hat. Später installiert Helmut eine Videokamera und schaut sich mit der Familie das Treiben vor dem Haus an, inklusive einem Huhn - "der jüngste Demonstrant" -, auf Großbildschirm.

Plötzlich ist es Winter, der Bundesgerichtshof hat entschieden. Man sieht Karl D. einsam über den Katschhof in Aachen spazieren.

AUF TEUFEL KOMM RAUS, DE 2010 - Regie, Buch, Produktion: Mareille Klein, Julie Kreuzer. Kamera: Gero Kutzner. Schnitt: Mechthild Barth. RealFiction, 82 Minuten.