Pete Doherty in Berlin "Das Paradiiies ist genau vor deiner Naaase!"

Pete Doherty, damals noch mit den Libertines, beim Tramlines Festival in Sheffield.

(Foto: picture alliance / Myles Wright/)

Wie geht's eigentlich Pete Doherty, dem ewig strauchelnden Supertalent des Indierock? Ein Treffen mit ihm, zwei Hunden und ein paar Randexistenzen, die sich fröhlich Hurenmütter schimpfen.

Von Juliane Liebert

Pete Doherty ist quicklebendig. Falls sich jemand gefragt haben sollte. Eine Stunde vor seiner Show in Berlin steht er oberkörperfrei im Backstage des Astra. Stellt erst seine zwei Hunde, Zeus und Narco, vor, dann seine Band. Die Puta Madres, nach den Libertines und den Babyshambles sein neues Bandprojekt.

Ohne seine Band will er nicht mehr interviewt werden, vermutlich, weil er zu oft gefragt wurde, ob und warum er noch nicht tot ist. Dem britischen NME erzählte er kürzlich, eine Frau habe eine Dokumentation über ihn machen wollen, "und die Jahre vergingen. Es kam das 16. Jahr, und da kam mir der Gedanke, dass sie darauf wartet, dass ich sterbe. Das ganze Thema der Doku war Dunkelheit. Es gab viele Spritzen, Wunden und Leute, die rückfällig wurden und in Säcken abtransportiert wurden. Das einzig logische Ende dieser Geschichte wäre, dass ich sterbe".

Im Augenblick scheint er davon weit entfernt. Er signiert eine Platte für jemanden. "Für deine Freundin? Sie ist Krankenschwester, oder?" - "Nein, Doktor!" - Er singt: "Doctor, Doctor!" Greift seine Gitarre und beginnt gedankenverloren zu spielen. "Alle hinsetzen! Wir müssen dieses Interview machen!" Der Drummer und der Hund lecken sich die Gesichter ab. Doherty hört auf zu reden und spielt lieber wieder Gitarre, diesmal mit Gesang. Das Gespräch verwandelt sich in einen Song. Er singt zwei, drei Minuten. Alle freuen sich.

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Auf dem neuen Album, "Peter Doherty & The Puta Madres", sind ihm die Einflüsse seiner Musik beinahe aus der Balance geraten. Es klingt, als hätte er alle Stilelemente und Instrumente, die in seinem Werdegang eine Rolle gespielt haben, zusammengerührt. Erratisches Gefiedel über hüpfender Polka plus Gitarrengeklimper, wie man es von den Libertines kennt. Dann Einbruch von Metal-Folk-Pathos mit Orgelklängen. Dann zirpen wieder abwechselnd Gitarren und Fiedeln. Auch in echt wirken die Madres wie eine Hippiefamilie. Gefragt, wie lange sie schon auf Tour sind, wissen sie zunächst keine Antwort. Diskutieren eine Weile, bis schließlich Doherty sehr überzeugt verlautet: "Wir wissen es nicht. Es geht so auf und ab. Aber es war super. Besonders der erste Gig. In Belfast."

"Aber natürlich passiert das nur in meinem Kopf"

Gelächter. Der Gig in Belfast hat nicht stattgefunden, erklärt er. Warum? "Das Übliche. Die Paranoia und die Psychose, die vom Schlafmangel kommt und vom mangelnden Glauben an den Kernimpuls, der die Band und unser Leben bestimmt. Wenn die Person, der du am meisten vertrauen musst, in deinen paranoiden Gedanken beginnt, unzuverlässig zu sein (singt auf einmal laut los:) DAMDADA-DAMDAAAAAM! (Wird wieder ernst:) Aber natürlich passiert das nur in meinem Kopf."

Vor ein paar Jahren dachte man, das wär's. Ab und an gab's Bilder von Pete aus einer thailändischen Rehabilitationsklinik. Schon lange betrachtete die Öffentlichkeit ihn mit jener Mischung aus Spott und zugleich Verehrung, die bis zu ihrem Tod auch Amy Winehouse zuteil wurde. Der Unterschied zu Amy Winehouse ist, dass sie bei allem Voyeurismus doch eher als tragische Gestalt wahrgenommen wurde. Bei Doherty befürchtet man nicht nur, er könnte morgen sterben, sondern sieht ihn irgendwie auch als Narr. Es erinnert ein bisschen an das Mozart-Klischee, wie es von Miloš Forman in Szene gesetzt wurde: das kindische Genie.

Einer der Hunde entkommt durch die Hintertür und jemand, der eventuell Jay heißt, rennt ihm hinterher. "Scott, kann ich eine Zigarette haben!", ruft Doherty, der sich inzwischen statt Pete lieber ganz bürgerlich Peter nennt, und spielt einen Akkord. "Ich hab ja versucht, nach Belfast zu fahren", erklärt er sich unvermittelt, "14 Stunden Fahrt. Ich habe zehn Stunden gebraucht, um aus Margate rauszukommen. Ich hatte den perfekten Plan, ich hatte sogar eine große Nase Calvin Klein (Anmerkung: Mischung aus Koks und Ketamin) gezogen. Ich hatte acht Espressoshots in einem, drei Tonnen Zucker - ein gewaltiger Wesley Snipes - und als ich losfahren wollte, verschüttete ich den kompletten Kaffee über mich, über die Hunde. Von da an ging's bergab. Ich war noch nicht wieder trocken, als sie mich auf einem Rastplatz fanden, in meinen leeren Kaffeebecher weinend. (Spielt ein paar Akkorde.) Oh yes! Wie geht's dir eigentlich so?"

Er findet es beinahe beleidigend, wie viele Leute überrascht davon sind, wie gut die Band ist

Er findet es beinahe beleidigend, wie viele Leute überrascht davon sind, wie gut die Band ist. Sie sind alle auch als Straßenmusiker erprobt. Die Atmosphäre ist gelöst, Doherty klimpert die ganze Zeit auf seiner Gitarre, malt auf seinem Schuh, verbindet sich die linke Hand neu. Es spricht viel dafür, dass seine Musik wirklich größtenteils so entsteht - die Gitarre ist immer dabei, ein Spielzeug, was zum Festhalten und innerlichen Loslassen - wie ein Joint. Ein Mittel, die absurde Welt verständlich zu machen. Ein kommunikativer Kanal. Musik kippt in Gespräch in Musik.

Wenn er eine Songidee hat, stellt er der Band seine Idee vor. "Wenn die Idee zu gut ist, um ignoriert zu werden, verfolgen wir sie. Wenn Kat oder Jack eine Idee haben, arbeiten wir mit der. Aber normalerweise muss es eine Idee sein, bei der ALLE außer mir sagen: 'Das ist nicht zu langweilig. Ich könnte es jeden Abend spielen, wenn es sein muss.'"

Man glaubt es ihm. Vor Jahren auf dem Berlin Festival trotzte er als Solokünstler im Hangar des Flughafens Tempelhof sowohl seiner Dauerkrise als auch der miserablen Akustik.

Und auch mit den Puta Madres gewinnt er das Publikum sofort für sich. Drogenabstürze und bedenkliche Anekdoten hin oder her, auf der Bühne ist er kein Opfer, sondern durch sein genialisch-linkisches Gitarrengeklimper ein sehr überzeugender Botschafter eines alternativen Lebensmodells, das prekär sein mag, aber auch eine Freiheit bedeutet, in der sich Randexistenzen zu einer Band zusammenfinden und sich fröhlich Hurenmütter schimpfen.

Sein neues Album ergibt eigentlich nur live gespielt wirklich Sinn, als soziale Performance. Aber auch die besonderen Momente aus Libertines- und frühen Babyshambles-Zeiten, die seinem großen, aber auch zerzausten Talent eher zu unterlaufen schienen, finden sich. Wie etwa der verlorene Gesang am Ende von "Merry Go Round", auf dem ersten Babyshambles-Album, wenn der Song zerfällt, bis nur noch Petes Stimme und das Schlagzeug übrig sind, bis es laut rappelt, weil er vermutlich den Mikrofonständer umgeworfen hat. Dohertys Mikrofonständer hat es auch heute noch nicht einfach.

Aber vielleicht ist das gemeinschaftliche Musizieren eben das, was ihn derzeit am Leben hält. Die Anmut ist immer noch da, an kreativem Chaos mangelt es auch nicht. Immer wieder reden alle durcheinander.

Dohertys Schwester, die mit auf Tour ist, kommt mit einem Geschenk reingelaufen. "Ja. JA. Let's have a drink? Do you wanna have a drink? Es ist erst halb acht. (jubelnd) WE'VE GOT ALL THE TIME IN THE WOOOORLD. YEEEEEEEH!" Er verteilt Bier an alle. Öffnet die Bierflasche mit dem Augenlid. Alle diskutieren, ob und wer in der Band miteinander schläft.

Katia DeVidas, die Keyboarderin, in der aktuellen Besetzung die einzige Frau, sagt: "So ist das nicht. Ist doch egal, welches Geschlecht. Männer und Männer können Sex haben, Frauen und Frauen können Sex haben." Pete: "Und Hunde? Ich hab darüber nachgedacht. Aber ich würde nie Sex mit einem Hund haben!" Großer allgemeiner Tumult.

"Ja." stellt Pete Doherty abschließend fest "Pete Doherty ist ein Albtraum. Er hat vermutlich Sex mit Hunden. Oder mit ... Fledermäusen." Der Manager bringt Zettel mit den Lyrics zu "Paradise Is Under Your Nose", die Pete und der Gitarrist signieren sollen. Doherty will wissen, was "Paradise" auf Deutsch heißt. Mit dem Ergebnis zufrieden, beginnt er Zeilen auf Deutsch zu singen "Geeeeh nicht zu weeeeit. Nicht geh zu weit. Geh nicht zu weit! Geeheeh nicht zu weeheeeit."

Die Puta Madres zerstreuen sich. Sie wirken wie eine glückliche Band und er wie ihr erstgeborener Sohn. Ein ziemlich fröhliches Kind. Er beginnt wieder zu spielen. "Das Paradiiies ist ... genau vor deiner Naaase."

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