Documenta:Archiv der Ausgeschlossenen

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Documenta: Raychel Carrión: Szenen aus dem kubanischen Alltag, die erst auf den zweiten Blick verstören.

Raychel Carrión: Szenen aus dem kubanischen Alltag, die erst auf den zweiten Blick verstören.

(Foto: Nicolas Wefers)

Tania Bruguera ist Kubas bekannteste Künstlerin. Auf der Documenta attackiert sie mit dem Kollektiv Instar den Tropensozialismus.

Von Martina Scherf

Tania Bruguera steht im wallenden blauen Kleid auf der Plaza in der Documenta-Halle. Gerade hat sie mit ihrem Instar-Kollektiv wieder eine neue Ausstellung eröffnet. Bruguera ist die bekannteste Gegenwartskünstlerin Kubas, hatte Einzelausstellungen und Performances im MoMa, in der Tate Modern, auf der Documenta XI, auf den Biennalen von Venedig, Sao Paulo, Shanghai. Doch diesmal agiert sie nur im Hintergrund. Sie will die 100 Tage in Kassel nutzen, so viele kubanische Kollegen wie möglich nach Deutschland zu bringen. Sie will, dass sie gehört, gesehen werden. Bevor die Welt Kuba wieder vergisst.

Vier Räume bespielt Instar in der Halle. Instar steht für Instituto de Artivismo Hannah Arendt. Bruguera hat es 2015 in Havanna gegründet, da stand sie wieder einmal unter Hausarrest. Artivismo ist eine Wortschöpfung aus Kunst und Aktivismus. "In einer Diktatur kann es keine unpolitische Kunst geben", sagt Bruguera. Die Isolation im Hausarrest nutzte sie damals, um 100 Stunden lang aus ihrem Wohnzimmer in Havanna Hannah Arendts Buch "Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft" vorzulesen. Mit Lautsprecher nach draußen übertragen. Die Behörden reagierten mit einer Baubrigade und Presslufthämmern vor ihrem Haus.

Hannah Arendts Text ist eine Analyse dessen, was Kubaner täglich erleben: die Mechanismen der Macht, mal subtil, mal brutal; der Versuch des Staatsapparats, die Kontrolle über Körper und Geist der Menschen zu erlangen; das schleichende Misstrauen, das sich in die Seelen frisst. Deshalb tragen die Aktivisten in Kassel T-Shirts mit der Aufschrift "Podemos confiar los unos en los otros" - "Wir können einander vertrauen". Die Kraft des Kollektivs schützt bis zu einem gewissen Grad, und sei es nur, dass keiner im Gefängnis verschwindet, ohne dass die anderen es erfahren. Es ermöglicht einen Diskurs über ästhetische, soziale, politische Fragen, der außerhalb des Kollektivs kaum möglich ist, weil es keine kritische Zivilgesellschaft gibt und keine Infrastruktur für eine freie Szene.

Documenta: Instars "List of censored Artists", 2022.

Instars "List of censored Artists", 2022.

(Foto: Nicolas Wefers)

Den Instar-Mitgliedern mag auch die Bekanntheit von Tania Bruguera helfen. Trotzdem ist es für jeden einzelnen ein Risiko, sich in Kassel mit Namen und Gesicht zu zeigen. Interviews mag Bruguera nicht, jedes Wort kann eine Kette von Problemen nach sich ziehen. Gerade haben der Schauspieler Daniel Triana und der Schriftsteller Amaury Pacheco ihre Reise nach Kassel abgesagt, aus Angst, nicht nach Kuba zurückkehren zu dürfen. Keiner weiß, welches Wort zuviel sein könnte, damit jemand ausgebürgert wird. So wie Hamlet Lavastida.

Sein Name steht auf der Liste der Zensierten, die in einem der Räume an der Wand prangt. Darunter blicken einen die Gesichter von Opfern der Zensur an. Auf Folie gezogen, über Pfähle gehängt wie Skalpe. Lavastida war im vergangenen Jahr Gast im Künstlerhaus Bethanien in Berlin. In seinen Drucken und Collagen deutet er historische Symbole um und übersetzt sie in moderne Bildsprache. Als er nach Havanna zurückkehrt, wird er verhaftet. Nach drei Monaten kommt er auf internationalen Druck frei, wird aber umgehend des Landes verwiesen. Er lebt jetzt wieder in Berlin. Seine Wandarbeit zeigt den abstrahierten Grundriss des Gefängnisses in Villa Marista, wo er inhaftiert war ("Republica Penitenciaria", 2022).

Oder Maykel Castillo (Künstlername Osorbo), einer der Musiker im Rap-Video "Patria y Vida" ("Heimat und Leben"). Der Song ging viral, er erhielt zwei Latin Grammys, doch ihn auf kubanischen Straßen zu singen, kann einen hinter Gitter bringen. Schon der Titel ist ein Sakrileg, spielt er doch auf den Slogan "Patria o Muerte" ("Vaterland oder Tod") an, den die Regierung bis heute auf Häuserwände pinseln lässt. Osorbo wurde mehrfach verhaftet, saß monatelang in Einzelhaft, hatte sich den Mund zugenäht, trat in Hungerstreik, wurde freigelassen und erneut festgenommen. Im Juni 2022 wurde er zu neun Jahren Haft verurteilt. Zusammen mit Luis Manuel Otero Alcántara, Mitbegründer der Künstlerbewegung San Isidro, der fünf Jahre erhielt. Ihr Vergehen: "Beleidigung von Vaterlandsymbolen, Missachtung des Gerichts und Störung der öffentlichen Ordnung".

"Jetzt melden sich Leute bei mir und sagen: Wir sind auch Opfer, wir gehören auch in diese Ausstellung", sagt Bruguera. Das ist ganz in ihrem Sinne. Was Instar hier präsentiert, ist nichts für den Markt, keine Ego-Show. Es geht vielmehr um Kunst als emanzipatorische Kraft, als Mittel, die Zivilgesellschaft zu stärken. Instar zeigt zehn Ausstellungen in 100 Tagen, ein Marathon für die Kuratoren. "Das kann man durchaus als Metapher verstehen für die Instabilität, mit der wir in Kuba leben. Du besuchst eine Vernissage, willst darüber mit Freunden reden, und - schwupps - ist die Schau nach einer Woche zensiert und geschlossen."

Instar etabliert ein Archiv der Ausgeschlossenen und Verfemten

Es geht auch darum, die Macht über das kollektive Gedächtnis nicht der Regierung zu überlassen. Instar etabliert ein Archiv der Ausgeschlossenen und Verfemten, denn wenn es keine Öffentlichkeit gibt, sagt Bruguera, "wissen sie ja nicht mal, dass sie in einer Tradition stehen". Die reicht zurück bis zum Beginn der Revolution. Namen wie Reinaldo Arenas, der homosexuelle Schriftsteller, dessen autobiografischer Roman "Bevor es Nacht wird" (1992) posthum Weltruhm erlangte, sind in Kuba bis heute tabu.

Und deshalb sieht man hier viele Namen, Chiffren, Design und Kommunikation. Aber nicht nur. Raychel Carrion ist mit mehreren großen Wandarbeiten vertreten. Er zeichnet mit subtilem Strich Szenen aus dem kubanischen Alltag - und man erkennt erst auf den zweiten Blick, was daran so verstörend ist. Schulkinder mit verzerrten Mündern. Grimassen, die aus dem Blaulicht-Balken eines Polizeiautos hervortreten.

Documenta: Tania Bruguera.

Tania Bruguera.

(Foto: Tony Rinaldo)

Die rebellische Kunstszene in Kuba macht die Regierung nervös. Immer neue Dekrete werden erlassen, "die Polizei kann jetzt jederzeit in dein Haus eindringen und dir dein Eigentum wegnehmen", sagt Bruguera. Künstler werden mitverantwortlich gemacht für die landesweiten Proteste im Sommer 2021, die brutal niedergeschlagen wurden. Die Forderung nach Meinungsfreiheit mischte sich da mit dem Hunger. Denn die Versorgungslage, durch das US-Embargo seit je schlecht, hat sich durch Pandemie und Misswirtschaft noch verschlimmert. "Der 11. Juli 2021 war eine Zäsur für das Land", sagt Bruguera. Es folgte eine Verhaftungswelle. Sie selbst stand da schon wieder mehr als ein halbes Jahr unter Hausarrest. Unter der Bedingung, dass andere frei gelassen werden, willigte sie ein, das Land zu verlassen. Da hatte sie schon einen Lehrauftrag der Harvard Universität in der Tasche.

Geboren 1968 als Tochter eines strammen Kommunisten und Diplomaten, wächst Bruguera in Paris, im Libanon, in Panama auf, bevor die Mutter mit den Töchtern nach Kuba zurückkehrt. Sie studiert Kunst und beginnt mit den ersten Performances. Hängt sich ein geschlachtetes Lamm um den Hals und isst Erde, um den Mord an der indigenen Bevölkerung durch die Konquistadoren zu thematisieren. Ihre Untergrundzeitschrift Memory of the Postwar wird 1994 verboten. Im Inland drangsaliert, gewinnt sie im Ausland immer mehr Beachtung. 2002 lässt sie auf der Documenta XI Besucher die Bedrohung spüren, die von einem Polizeistaat ausgeht. In einem stockdunklen Raum ist das Laden eines Gewehrs zu hören und das Klacken von Stiefeln auf Metallgitter. 2009 fällt sie mit der Performance "Tatlins Whisper" endgültig in Ungnade bei der kubanischen Regierung. Während der Havanna Biennale fordert sie Besucher auf, ihre Wünsche und Sorgen in ein Mikrofon zu sagen. Als sie die Aktion am 30. Dezember 2014 wiederholen will, wird sie verhaftet. Sie wollte ihr Mikrofon auf den Revolutionsplatz stellen, dem Ort der Militäraufmärsche, bei denen Fidel Castro seine staatstragenden Reden hielt.

"Kunst muss den Schmerz sichtbar machen", sagt Bruguera. "Dann hat sie die Kraft zur Transformation." Auf die Innenseite ihres rechten Handgelenks hat sie sich die Adresse ihres Hauses in Havanna tätowieren lassen. Wann sie zurück kann, weiß sie nicht.

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