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Documenta Kabul:Gespräche zwischen Boot und Palast

Mardan Muhammadi, 21, studiert an der Fakultät der Schönen Künste im ersten Semester. Auf Documenta-Seminaren im Frühjahr wurde er als Guide ausgebildet und stellt den Besuchern ein Werk des argentinischen Künstlers Adrian Villar Rojas vor, eine Lehmmauer, die an die traditionelle afghanische Bauweise erinnern soll. Die Lehmmauer steht zwischen zwei Flügeln des Königinnenpalastes, und Mardan Muhammadi erklärt von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr 30, dass es um "den Umgang mit Grenzen" gehe und dass Altes hier wie Neues aussehe.

Er bekommt dafür 600 Afghanis am Tag, knapp zehn Euro. Sein Vater ist Schneider, seine Mutter kann weder lesen noch schreiben. Sie sind Hazaras, eine schiitische Volksgruppe, die unter den Taliban besonders gelitten hat. Er trägt eine ausgewaschene Anzugshose, eine rote Baseballkappe und eine feierliche grüne Kordel, auf der "Documenta" steht.

Villar Rojas stellt auch in Kassel aus, und damit ein "Link" zu seinem Werk dort entsteht, muss Mardan Muhammadi täglich Skizzen des Künstlers nachzeichnen. Dafür war ein in die Lehmmauer eingelassener Tisch vorgesehen, allerdings ohne Sonnenschirm, deswegen flüchtet sich Mardan Muhammadi unter einen Busch, wenn keine Besucher da sind. Da zeichnete er eine Zeitlang Villar Rojas' Skizzen nach: Ein nackter Mann und eine nackte Frau in einem Boot, der Mann richtet seinen großen Penis auf das Gesicht der Frau, sie dreht ihren Kopf weg. Der selbe nackte Mann uriniert auf einen kleinen Dar-ul-Aman-Palast. Was wollte der Künstler damit sagen? "Ich weiß nicht", sagt Mardan Muhammadi unter dem Busch. "Die Besucher mochten das nicht, deswegen zeichne ich nur noch das Boot und den Palast."

Er hat ein Gedicht dazu geschrieben, ein Gespräch zwischen Boot und Palast. Der Palast sagt: "Die Risse in meiner Mauer schreien: Baut mich von neuem auf! Das Boot an meiner Seite ist zerstört, wie ich. Es ist weit weg von seinem Fluss." Das Boot antwortet: "Die Hügel bedecken dich mit Staub. Wenn sie mich nicht bald zu meinem Fluss bringen, wenn sie dich nicht bald wieder aufbauen, dann werden wir dahinscheiden. Für immer."