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Documenta 2022:Gemeinsam abhängen

Ruangrupa

Nur zwei von zehn: Farid Rakun (li.) und Ade Darmawan gehören zum indonesischen Künstlerkollektiv "Ruangrupa", das die nächste Documenta 2022 kuratiert.

(Foto: Uwe Zucchi/picture alliance/dpa)

Mit Ruangrupa kuratiert erstmals ein Künstlerkollektiv die Ausstellung in Kassel. Ein radikal neues Konzept für neue Zeiten

Von Catrin Lorch

Mit Ruangrupa ins Gespräch zu kommen, ist nicht schwierig. An diesem verregneten Morgen hat sich Ade Darmawan Zeit genommen für eine virtuelle Begegnung. Das Zoom-Fenster nach Jakarta zeigt ihn mit zerwuscheltem schwarzen Haar im T-Shirt, entspannt sitzt er auf einem kleinen Sofa. Das Fenster hinter ihm steht weit auf, man hört Straßengeräusche und irgendwann auch den Ruf eines Muezzins.

Als die indonesische Künstlergruppe Ruangrupa - aus dem Sanskrit übersetzt bedeutet die Wortschöpfung Raum und Visualität - vor zwei Jahren als künstlerische Leitung der nächsten Documenta berufen wurde, waren er und Farid Rakun als Vertreter des zehnköpfigen Kollektivs in Kassel. Auch wenn Darmawan es ablehnt, als "Kopf" von Ruangrupa angesprochen zu werden, so ist er in der Kunstszene doch eines der bekanntesten Gesichter der vielköpfigen Gruppe. Gelassen stellt er erst einmal fest, wie absurd es ausgerechnet für Ruangrupa ist, solche Gespräche virtuell führen zu müssen. "Für uns ist die unmittelbare Anwesenheit als soziales Wesen die entscheidende Größe", sagt er. "Wir möchten die gleiche Luft atmen wie unser Publikum. Das kann man als performativ abtun, als Konzept. Aber es ist unsere Art zu leben und zu arbeiten."

In normalen Zeiten würde man mit den Künstlern auf Tour durch Jakarta gehen

Und wie wäre es, wenn man sich in Jakarta gegenübersäße? Zu Besuch bei dem plötzlich bekanntesten Künstlerkollektiv der Welt? Ziemlich sicher würde man sich nicht in einem Büro unterhalten, das wird schnell klar. "Wir würden Ihnen eine Menge Leute vorstellen, zu viele, um sich die Namen zu merken", sagt er vergnügt. "Nicht nur Künstler, Kuratoren oder Filmemacher. Darunter wären auch Beamte, Street-Artisten, Musiker. Unser Ökosystem besteht nicht nur aus den Menschen, mit denen wir arbeiten." Und dann schlägt er einen Rundgang vor, den man in einem der alten Stadtviertel im Norden beginnen könnte. Dort wo der alte Park, noch zu Kolonialzeiten angelegt, fast an einen Slum angrenzt. In dem man - natürlich - zunächst Freunde treffen würde, eine Künstlergruppe, die im Slum arbeitet. "Man kann mit uns nicht über die Kunst und das Leben sprechen", warnt Ade Darmawan, "dazu sind beide zu sehr vermischt."

Ade Darmawan erklärt gerne und geduldig, bemüht sich gar nicht, Lokalkolorit auszumalen - lieber verweist er auf Musik oder Bücher, verspricht, einem ein paar Fotos oder Artikel zuzuschicken. Obwohl die Konversation in die Kästchen der Zoom-Technologie eingesperrt ist, wirkt die Welt an diesem Vormittag plötzlich einladend und weit. Und so, als wäre Kunst nur eine Möglichkeit von vielen. Schon bei ersten Gesprächen nach der Berufung als Documenta-Leiter wiesen Farid Rakun und Ade Darmawan darauf hin, dass sie sich schon als Studenten in den Neunzigerjahren kennengelernt hatten, als Indonesien vom autoritären Regime Suhartos beherrscht wurde. Seither haben sie unter dem Dach von Ruangrupa Ausstellungen und Konzerte veranstaltet, ein Filmtheater, ein Kunstmagazin und eine Studentenbiennale gegründet, einen Shop eröffnet, ein Forschungsinstitut samt Bibliothek und eine Kunstschule für Kinder.

Lumbung, die indonesische Reisscheune, steht als Metapher für die "Documenta Fifteen"

Dass Ruangrupa sich seit Jahren in einem ehemaligen Industriekomplex in Jakarta eingerichtet haben, ist so etwas wie ein gemeinsamer Ausgangspunkt. Die zentrale Metapher ihrer Arbeit in den vergangenen Jahren - und auch für die "documenta fifteen", wie sie die 15. Ausgabe der Weltkunstschau nennen - ist "Lumbung", das Bild der indonesischen Reisscheune, in der Bauern gemeinsam ihre Ernte lagern.

"Austausch, Vernetzung und Prozess sind die am meisten gehörten Vokabeln", notierte SZ-Kritiker Ingo Arend nach einem der - pandemiebedingt - seltenen persönlichen Begegnungen mit Reza Afisina im Ruru-Haus. In diesem leer stehenden Sportgeschäft in der Kasseler Fußgängerzone haben Ruangrupa ihr Hauptquartier bezogen. Künstler, Studenten und Aktivisten sollen dort schon einmal "Nongkong" praktizieren, das ist der indonesische Ausdruck für Abhängen. Dass weder über Künstler-Listen noch Ausstellungsorte spekuliert wird, ist ungewöhnlich: Während die elfte Documenta von Okwui Enwezor mit einer Reihe gewaltiger internationaler Konferenzen zwischen Lagos und St. Lucia theoretisch aufgespannt wurde, veranstaltete die Documenta 14 zur Einstimmung in Kassel und Athen Diskussionen, Performances, Künstlergespräche und gab dazu noch das Magazin "South" heraus.

Das Kollektiv arbeitet nicht allein am Konzept: Man hat weitere Gruppen eingeladen

Mehr als eine allmonatliche Diskussion im Internet - zu der aber statt Künstlern und Theoretikern Lehrer oder Bio-Bauern eingeladen werden - steht für Ruangrupa noch nicht auf der Agenda. In Kassel sind lediglich die Schaufenster des Ruru-Hauses in Pastellfarben als Ausblick gestaltet, in Kinderschrift stehen dort Sätze wie "Lumbung ist Erleben der Gemeinschaft. Hierarchien werden abgelehnt. Lumbung ist Notwendigkeit und Einheit. Das Gemeinwohl steht an erster Stelle." Passenderweise arbeiten an den Vorbereitungen nun noch neun weitere Kollektive und Gruppen, darunter beispielsweise eine Off-Biennale aus Kolumbien und das dänische Trampolin-Haus, das sich um die Belange von Asylsuchenden kümmert.

Nun sind das Anliegen, die bei der Berufung des Kollektivs für das Kunstpublikum sicher schon als relevant galten, aber nicht vordringlich wirkten. Doch die Pandemie hat die Perspektiven des Publikums verändert. Und auch wenn die Documenta Fifteen unter so schwierigen Bedingungen vorbereitet wird, hat die durch Corona verursachte globale Krise sozusagen vorgearbeitet: Eine klassische Kunst-Schau auf dem grünen Rasen Kassels wäre im kommenden Jahr kaum vorstellbar.

© SZ
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