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Documenta in Kassel:Himmler, Goebbels, Mengele neben Joseph Beuys - das hat der nicht verdient

Der Wutbürger-Gestus der selbstgerechten Empörung steigert sich ins Lächerliche, als auf der selben Etage Sergio Zevallos die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und die rechtsradikale Angeklagte Beate Zschäpe gleichermaßen als wächserne Schrumpfköpfe präsentiert, um ihre Energien in einer Art Voodoo-Ritual zu bannen. Hirnschrumpfung als politische Utopie.

Problematisch wird der Anklagemodus, weil ihn in Kassel nicht nur einzelne Künstler pflegen, sondern auch die Kuratoren. In der Neuen Galerie, dem programmatischen Zentrum der Schau, sind Bäume zu sehen. Edi Hila malte in Albanien Enver Hodschas baumpflanzende Pioniere, Sokol Beqiri zeigt im Video, wie er die von Joseph Beuys gepflanzten Kasseler Eichen mit Bäumen aus Athen vereint. Daneben ist eine Beuys-Installation aufgebaut, die immer hier steht. Diese leitet nahtlos über in Piotr Uklańskis saalhohe Fotoarbeit "Real Nazis", die "echten" Nazis. Propagandaporträts von Himmler, Goebbels, Mengele und anderen NS-Tätern und Neonazis füllen die Wand. Dazwischen findet sich ein Bildnis von Joseph Beuys, der im Krieg Funker war. Bei allem, was man an Beuys' romantisierendem Deutschtum kritisieren mag: Einen so plumpen Angriff hat der Erfinder der sozialen Plastik nicht verdient.

Documenta Wie politisch ist die Documenta in Athen?
Künstlerprotokolle

Wie politisch ist die Documenta in Athen?

Auf der 14. Weltkunstschau sind indigoblaue Lämmer und Oliven für Kanzlerin Merkel zu sehen. Vier Künstler erzählen, warum.   Protokolle von Catrin Lorch und Kia Vahland

Das Denken in "richtigen" Inhalten und Motiven statt in stimmigen Formen ist das große Risiko agitatorischer Kunst. Daran störten sich schon Peter Weiss' kommunistisch gesonnene Romanfiguren. Der sozialistische Realismus verdecke "die widerspruchsvollen Prozesse, in denen Neues entsteht", heißt es in der "Ästhetik des Widerstands". Es reiche nicht, wenn die Künstler gute Absichten hegten, ihre Bildideen müssten sich auch formal beweisen, müssten das visuelle Denken herausfordern und nicht einengen.

Als Geflohener weiß der irakische Künstler Hiwa K, wovon er spricht. Und findet starke Bilder

Die Neue Galerie in Kassel dagegen ist nach rein ikonografischen Gesichtspunkten kuratiert. Barlach und Courbet sind zu sehen, weil sie Bettler darstellen, also die Opfer einer strikten Warenökonomie. Im oberen Geschoss zeigt Gerhard Richter ein Bildnis des Documenta-Gründers Arnold Bode, dieser porträtiert den Maler Karl Leyhausen, jener Peggy Sinclair, eine Freundin Samuel Becketts, was zu der Information führt, dass der Schriftsteller auch einmal in Kassel war. Ebenso Leo von Klenze, der im 19. Jahrhundert neben dem Ballhaus in Kassel auch Athen teilweise neugestaltet hat. Das wiederum führt zur Akropolis, dem eigentlichen Zentrum der ganzen Documenta. Und die wurde von Nazimalern ebenso dargestellt wie von einem Vorfahren des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. So klein ist die Welt, alles hängt mit allem zusammen.

In diesen rein motivischen Assoziationsketten finden sich auch interessante Stücke wie eine Zeichnung von Ludwig Emil Grimm, der 1853 das Prinzip der Völkerschau umdreht und mehrere Schwarze eine weiße Debütantin im Käfig betrachten lässt. Das Blatt aber darf nicht für sich stehen, sondern muss gleich allen Entrechteten der Welt eine Stimme geben. So dass wir schnell bei der Hungersnot in Indien in den Vierzigerjahren wären - die hier pietätlos mit historischen Reliefs des freiwillig fastenden Buddhas kurzgeschlossen wird. In solchen Reihungen wird eine Zwangsläufigkeit behauptet, die keiner historischen Detailstudie standhielte. Der Vorwurf, diese Documenta sei ein kulturwissenschaftliches Seminar, beleidigt vor allem das Seminar.

Die Schau zielt nicht auf ein Abwägen der Argumente, sondern entwirft ein romantisches Bild des antineoliberalen, antikolonialen Widerstands. Die indigenen Künstler (zynisch im Naturkundemuseum ausgestellt) dienen als Ideal eines besseren, natürlichen Lebens. Auch die angeblich archaischen bäuerlichen Lebenswelten sind wieder da (kurioserweise mit Heuhaufenmotiven, die auch in den Dreißigerjahren als "volkstümlich" verehrt wurden).

Führt das zur politischen Aktion? Wohl kaum, aber es verschafft Machern wie Besuchern das wohlige Gefühl eines vermeintlichen Aufbegehrens.

Nun gibt es auch politische Kunst zu sehen, die tatsächlich aufzurütteln vermag. Dies sind vor allem die Arbeiten zur Flüchtlingskrise, etwa von dem Iraker Hiwa K, der als Geflohener weiß, wovon er spricht. Er führt den Kasselern das Modell ihrer 1945 zerstörten Stadt vor Augen und erzählt dazu von heutiger Flucht. Romantisch ist das Elend hier nicht, wohl aber universal erfahrbar. Die Ästhetik des Widerstand braucht keine Rechthaberei, sondern einen genauen Blick für das, was ist.

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