Documenta 12 Hier spricht der Markt

Bildende Kunst braucht keine geschützte Werkstatt für Gutmenschen: eine Kritik der Documenta 12.

Von Beat Wyss

Auch die Documenta 12 ist unsere Zeit, in Bilder gefasst. Schon schlummern die Verrisse in den Archiven, von wo sie als lustige Bocksgesänge einst wieder auferstehen, um historischem Rückblick die Würze treffsicherer Zeitgenossenschaft zu geben. So gelassen kann es ein Rezensent sehen, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Jede Documenta-Eröffnung war zunächst umbrandet von einem Aufschrei der Enttäuschung eigener Vorstellungen, was aktuelle Kunst sei.

Tänzerin bei einer Installation auf der Documenta 12.

(Foto: Foto: dpa)

Der Anspruch, Gegenwart als Überblick, gleichsam in Vergangenheitsform, vorzutragen, bleibt ein paradoxer Kraftakt. Gegenwart ist immer die je meinige, die subjektive Perspektive schlechthin, da, wo ich im blinden Fleck des Erkennens stehe und nur das wahrnehmen kann, was - jetzt! - mir gerade vorkommt. Unmöglich, in diesem Moment die Sicht des Anderen einzunehmen, sie gar verstehen zu können. Die Zeit muss eine Strecke hingestürzt sein, bevor sich die Blicke verschränken, und wir erkennen, dass der Andere irgendwie auch recht hat.

Mir ging es ebenfalls so, als mir auffiel: Diese Documenta spricht ja wieder deutsch! Und es ist nicht provinziell, die Kunstprovinz Deutschland endlich wieder ins rechte Licht zu rücken. Der chronische Minderwertigkeitskomplex der Deutschen besteht in der Meinung, international seien nur die anderen. Noch immer scheint es nicht angekommen: Wir sind wieder wer, und zwar seit 52 Jahren, seit der ersten Documenta in Kassel.

Wie kein anderes europäisches Land hat die Bundesrepublik nach dem Krieg wieder gutgemacht, was das Deutsche Reich auszumerzen trachtete. Weder Italien noch Frankreich noch Österreich haben so gründlich den Boden für aktuelle Kunst wiederhergestellt.

Ein Hort der Wiedergutmachung ist Kassel; einst nationalsozialistisch bis ins Mark als hessische Verwaltungsstadt und Industriestandort für den Vernichtungskrieg, hat sie sich zur Botschafterin eines neuen, weltoffenen Deutschland gewandelt. Alle fünf Jahre trägt sie Kunst, und sie steht ihr gut über den Narben, die ihr ein Feuersturm nach einem Bombenangriff der Royal Air Force im Oktober 1943 geschlagen hat.

Die Documenta entstand aus dem Bedürfnis, sich als entnazifiziert auszuweisen. Da hielten sich die Nachbarländer schon bedeckter. Die Italiener dachten und denken noch immer, der Duce hätte es schon gerichtet, hätte er sich nur nicht mit Hitler eingelassen. Die Franzosen hielten sich für besetzt, so gut wie die Österreicher und so viele andere Europäer, die sich erst hinterher und insgesamt im Widerstand wiederfanden.

Die Deutschen aber nahmen mit der ganzen Schuld am Zweiten Weltkrieg auch das volle Programm der Umerziehung im Sinne der Siegermächte auf sich. Der Westen wurde zur Rosinenbrücke der USA, der Osten zum Bollwerk der UdSSR. Während die Umerziehung im Westen unterm Strich nahrhafter ausfiel, hat der Osten diese jetzt nachholen müssen im Rahmen eines Liberalismus, der inzwischen nicht mehr so freigiebig ist wie zu George Marshalls Zeiten. Erst mit dem Endsieg des Kapitalismus wird dessen Kleingedrucktes so klar lesbar.

Deutschland ist politisch und kulturell das Musterland des vereinten Europa. In der Pflege bildender Kunst sind die Deutschen Klassenbeste. Vanity Fair hat zur Eröffnung dieses europäischen Kunstsommers zwischen Venedig, Basel, Münster, Kassel und Fellbach gleich zwei Nummern dem hiesigen Kunstbetrieb gewidmet. "Deutschland setzt die Trends", titelt Chris Dercon, der Direktor des Münchner Hauses der Kunst.

Kein anderer Staat im Westen weist eine derart hohe Dichte an kulturellen Institutionen auf. Man zählt 1288 Galerien, sowie 6500 Museen, die jährlich 101 Millionen Besucher anziehen. Deutschland ist ein Dorado der Szene. Doch was hier als neue Nachricht verbreitet wird, ist so alt wie die Documenta. Der deutsche Kunstbetrieb erntet heute nur die Früchte eines umsichtigen, geradezu missionarisch geführten Einsatzes für die aktuelle Kunst.