Romuald Karmakar – "Byzantion"

Man sieht weit durch die Fenster der Orangerie. Die Alleen der Karlsauen sind für den Blick aus diesen Fenstern gepflanzt, sie laufen exakt auf den heiteren, hellen Bau zu, bei schönem Wetter sieht man weit - bis hin zu den Kuppeln kleiner Pavillons, über Brücken und Seen hinweg. Drinnen läuft ein Film, die drei Monitore sind so hell, dass man das Bild auch im Gegenlicht erkennen kann. Es zeigt eine Gruppe von Sängern, fast in Lebensgröße. Romuald Karmakar hat den Chor auf dem Altar ihrer Kirche gefilmt, in einem Kloster irgendwo in Russland und sie stimmen gemeinsam einen polyphonen Gesang an. Die nächste Einstellung zeigt wieder Sänger, auch sie stehen vor Heiligenbildern in ihrer Kirche, auch sie singen gemeinsam das Lied. Doch sind es Griechen, ihr kleiner Kuppelbau steht in Athen, viele tausend Kilometer entfernt. "Byzantion" ist ein Projekt des Filmemachers Romuald Karmakar für die Documenta 14, ein friedliches Bild von einem Chor. Doch hat der Filmemacher, dessen radikal minimalistischen Werke wie "Der Totmacher" oder "Das Himmler-Projekt" sich mit den grausamsten Momenten der Geschichte beschäftigen, diesmal einen Ort lebendig werden lassen, den es nicht mehr gibt: die Stadt Byzanz, bis zu ihrer Eroberung durch die Ottomanen eine der bedeutendsten Metropolen der Welt. Karmakar sagt, die Teilung der Welt habe damals begonnen, "der Schnitt geht genau hier durch".

Bild: Jens Meyer/AP 10. Juni 2017, 08:552017-06-10 08:55:38 © SZ.de/khil