Oper:Hinter jeder Pointe lauert die Gewalt

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Oper: Dem Beamten Kowaljow (Bo Skovhus gibt ihn hinreißend komisch) ist seine Nase entlaufe. Der Vorfall ruiniert ihn gesellschaftlich und treibt ihn in den Selbstmord.

Dem Beamten Kowaljow (Bo Skovhus gibt ihn hinreißend komisch) ist seine Nase entlaufe. Der Vorfall ruiniert ihn gesellschaftlich und treibt ihn in den Selbstmord.

(Foto: Ludwig Olah/Semperoper Dresden)

Peter Konwitschny inszeniert an der Dresdner Semperoper "Die Nase" von Dmitri Schostakowitsch - ein Publikumstriumph.

Von Julia Spinola

Gott hat eine goldene Nase. Ansonsten ist er mittel- und vor allem machtlos, wenn es darum geht, dem Beamten Kowaljov in seiner Not zu helfen. Achselzuckend entschwindet er durch eine Tür in der mit weißen Wölkchen verzierten blauen Kulisse und überlässt das Feld seinem Sohn Jesus, einem Arzt. Dessen goldener Zinken ist noch ein bisschen größer als der des Himmelsvaters. Zudem schleppt er ein schweres, goldenes Kreuz mit sich herum, dass er liebevoll poliert, während er selbstlose Nächstenliebe predigt.

Eines Morgens, so steht es in Nicolai Gogols Erzählung "Die Nase", der literarischen Vorlage zu Dmitri Schostakowitschs gleichnamiger erster Oper, wachte Kowaljow auf und seine Nase war weg. Zwei Akte lang ist er in panischer Suche nach seinem Riechorgan unterwegs. Das hat sich selbstständig gemacht und stolziert zu mannshoher Größe angewachsen und im Staatsratskostüm über den Newskji-Prospekt in Sankt Petersburg.

In seiner surrealistischen Gesellschaftssatire zeigt Gogol die Unmenschlichkeit des zaristischen Obrigkeits- und Überwachungsstaats, und karikiert die Überheblichkeit des selbstgefälligen Kowaljov, der seine Nase so hoch trägt, dass sie ein Eigenleben zu führen beginnt. Daran knüpft Schostakowitsch im post-zaristischen, von Weltkrieg, Bürgerkrieg und dem unter Stalin zunehmenden Staatsterror gebeutelten Russland an. Schostakowitsch komponiert eine korrupt-debile Gesellschaft voller Karikaturen, körperlich und seelisch verstümmelter Duckmäuser. Voller Spott, scharfem Witz und brutaler Drastik ist die Partitur, die Zirkusmusik und schräge Choräle, lächerliche Märsche, derbe Polkas, Fugen, Walzer und Balalaika-Folklore kubistisch zu einem Gemälde des gesellschaftlichen Irrsinns montiert. Doch hinter jeder Pointe lauert die Gewalt.

Nicht nur das sozialistische Spitzelsystem, sondern auch der Nachwende-Kapitalismus werden in Dresden kommentiert

Regisseur Peter Konwitschny lässt Komik und blutigen Ernst einander beständig konterkarieren. Seine Inszenierung an der Dresdner Semperoper provoziert das Publikum immer wieder ausgiebig zum Lachen - dabei steckt sie voller Grausamkeiten. Während des Prologs erscheinen zwei Geheimdienstler in schwarzen Ledermänteln, die in den folgenden Szenen Menschen foltern, prügeln und drangsalieren werden. Aber die bilderbuchhafte Buntheit der Szene und die stummfilmhaft überdrehte Figurenführung rücken die Geschichte ins Absurde.

Wie Puppenhäuser fahren die Räume aus der Tiefe herauf und versinken wieder. So auch das Haus des Barbiers, der eine Nase in seinem Brot findet und sie in die Newa werfen will, so die Gefängniszelle, in der er zum Rhythmus eines Schlagzeugensembles von der Geheimpolizei zusammengeschlagen wird, genauso Kowaljows Stube, das Polizeirevier und die mit Zeitungen ausgeschlagene Redaktion, wo er vergeblich nach Hilfe aus seiner blamablen Situation sucht. Auf dem leeren Schachbrett irrt der nasensuchende Kowaljov hin und her, wird von den Spitzeln genötigt, einen entwürdigenden Hürden- und Hindernisparkour zu absolvieren.

In Dresden überzeugte ein durchweg prägnantes, spielfreudiges Sängerensemble, Dirigent Petr Popelka animierte die Staatskapelle zu einem leichtfüßig transparenten Spiel voller Lakonie und Witz, dem mancherorts ein wenig mehr Tempo, Zuspitzung und Drastik gutgetan hätte. Und der Bariton Bo Skovhus füllt das motivisch zerklüftete Parlando der Kowaljov-Partie mit lebendigem, charakteristischem Ausdruck. Dazu hüpft und tänzelt, zappelt, robbt und kriecht er in skurriler Überzeichnung über die Bühne wie eine Mischung aus Charlie Chaplin und Pan Tau.

Auf dem Höhepunkt seiner Verzweiflung, am Ende des zweiten Akts, entlädt sich sein Unglück in einem melodisch ausgreifenden Lamento. Kolwaljov ruft Gott an. Dann befördert sich Kowaljov per Kopfschuss in den Himmel, wo ihm weder Gott noch Jesus helfen können. Schließlich verpasst ihm der Teufel eine rabenschwarze Nase. Das steht so zwar weder bei Gogol noch bei Schostakowitsch, fügt sich als Religionskritik jedoch gut in Konwitschnys gesellschaftssatirischen Rundumschlag. Denn nicht nur das sozialistische Spitzelsystem, sondern auch der Nachwende-Kapitalismus wird hier kommentiert, wenn das bunt gekleidete Volk vor einer Wand mit Supermarkt-Rabattplakaten lungert, während die Volkspolizei nur noch Glitzermunition in ihren Kanonen hat. Einhelliger Jubel.

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