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DLD-Motto:Reconquer! Erobert euch die Welt zurück!

(Foto: Plainpicture)

Warum das Motto der diesjährigen DLD-Konferenz ein Appell ist, die Debatten der Zukunft wieder mit Zuversicht zu führen.

Wir können den Kopf nicht mehr in den Sand stecken. Das gilt für uns als Konferenz genauso, wie für alle Nutzer, die sich in der digitalen Welt bewegen, was in Deutschland, Europa und Amerika den größten Teil der Bürger einschließt. Die Welt verändert sich enorm und mit einer immer größeren Geschwindigkeit. Deswegen haben wir als Motto der diesjährigen Digital Life Design-Konferenz in München den Begriff "reconquer" benutzt, ein wunderbar griffiges englisches Wort, das in der deutschen Übersetzung der "Rückeroberung" die Tragweite nur teilweise erfasst.

Die Digitalisierung steht seit 2005 im Zentrum der DLD, als Hubert Burda die digitale Zukunft als zentrales Thema unserer Gegenwart erkannte und die erste Konferenz möglich machte. Was damals noch der Blick auf eine beschleunigte Zukunft war, ist heute längst die Betrachtung einer Gegenwart, die nicht zur Ruhe kommen kann. Als gelernte Journalistin waren die Konferenzen und Salons der DLD für mich immer die Möglichkeit, diese Entwicklungen nicht nur zu beschreiben. Nirgendwo sonst kommt man mit den Frauen und Männern, die den Fortschritt vorantreiben, oder ihn auch kritisch betrachten, so gut ins Gespräch wie auf einer internationalen Konferenz. Genau das tun wir einmal im Jahr im Januar beim DLD in München.

Was als Konversation begann, wird in diesem Jahr zu einem Aufruf. Die digitale Welt mag der Kern eines technischen Fortschritts sein, den die Welt seit über hundert Jahren nicht mehr so extrem erlebt hat. Sie ist aber vor allem der Katalysator für Veränderungen, die jeden Bereich der Gesellschaft und des Lebens betreffen: Wirtschaft, Politik, Wissenschaften, Kultur, Kommunikation, Gesundheitswesen und Alltag. So stehen wir nun an einer Schwelle, die sehr viel mehr betrifft als die digitale Welt.

Schon lange sprechen bei der DLD nicht mehr nur die Vertreterinnen und Vertreter jener Welt, die allgemein als Silicon Valley bezeichnet wird, auch wenn zu diesem Tal der Silikonchips im Süden von San Francisco heute auch Städte wie Seattle, Austin, New York, London, Tel Aviv, Peking, Tokio und München gehören. Jedes Jahr wieder haben wir Künstler zu Gast, Wissenschaftler, Politiker und Aktivisten. Das war uns schon früh wichtig, denn die Veränderungen, welche die Digitalität vorantreibt, geschehen auf den unterschiedlichsten Ebenen.

Deswegen wird der deutsche Außenminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel in diesem Jahr die Keynote-Rede halten und der Superkurator Hans Ulrich Obrist der Londoner Serpentine Gallery mit Künstlern auf der Bühne stehen. Michael John Gorman wird diskutieren, der in München derzeit das neue naturwissenschaftliche Museum Biotopia plant. Evgeny Morozov, einer der schärfsten Kritiker der digitalen Welt, wird sprechen, ebenso die Designerin Mary-Lou Jepsen, die vieles, von dem, was in unserem digitalen Alltag heute normal ist, konstruiert hat. Wir werden von Dimitar Sasselov hören, einem Planetenjäger, der mehr Exoplaneten gefunden hat als jeder andere Astronom. Und als Kämpferin für das Fortbestehen dieses Planeten wird Christiana Figueres sprechen, die als Generalsekretärin des Sekretariats der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen dafür gesorgt hat, dass sich fast die ganze Welt in Paris auf ein Klimaabkommen einigte.

Eine solche Bandbreite ist wichtig, wenn wir verstehen wollen, an was für einer Schwelle wir stehen. Wir haben lange überlegt, welchen Begriff wir für die DLD 2018 wählen sollten. Lange schon ist die öffentliche Debatte über Fortschritt, Zukunft und digitale Technologien ins Negative gekippt. Was als Begeisterung für utopische Modelle begann, hat sich zum fast schon verzweifeltes Lamento über die vielen negativen Folgen der digitalen Welt gewandelt. Und ja, wir können uns dem nicht mehr entziehen. Wir alle müssen ausbrechen aus der Behaglichkeitswelt des unerschütterlichen Zukunftsglaubens. Dabei müssen wir die Zwischentöne wiederfinden, denn weder der lautstarke Pessimismus noch der marktschreierische Optimismus werden uns auf einen vernünftigen Weg in die Zukunft bringen.

Was verlieren wir gerade? Was gewinnen wir bald?

Wir müssen innehalten. Dadurch, dass sich die Zukunft in immer atemberaubender Geschwindigkeit materialisiert, wird unser jahrhundertealtes Denken grundsätzlich infrage gestellt. Wir müssen den Mut haben, die Finger in genau diese Wunden zu legen. Was verlieren wir gerade? Was gewinnen wir bald? Wie können wir gemeinsam einer Welt begegnen, in der künstliche Intelligenz eine punktgenaue Personalisierung jedes technologischen Aspekts möglich macht?

Genau dazu bietet die DLD in diesem Jahr die Möglichkeit. Wir wollen herausfinden, welche Wege hinter dieser Schwelle liegen, an der wir gerade stehen. Technologisch haben wir ein Plateau erreicht. Künstliche Intelligenz kann inzwischen aus sich selbst heraus so viel lernen und kreieren, dass ihre Schöpfer selbst nicht mehr verstehen, was sich da vollzieht. Die Gentechnologie hat eine Einfachheit erreicht, dass sie alltagstauglich wird. Gleichzeitig ist derzeit nicht klar, ob sich die Errungenschaften der neuen Technologien noch die Waage mit ihren Kehrseiten halten.

Deswegen müssen wir in die Vergangenheit blicken, um die Zukunft weiter zu erobern. Wir müssen alten Werten vertrauen. Wenn der Wissenschaftstheoretiker Steven Pinker die Ära der Aufklärung ins Gedächtnis ruft und der Philosoph Julian Nida-Rümelin einen digitalen Humanismus einfordert, dann ist ein Anfang gemacht. Die Zehn Gebote werden für unsere Zukunft mindestens so wichtig sein wie Kants kategorischer Imperativ. Was wir als Schulwissen belächeln, bekommt einen neuen Wert, den wir schon ahnen, aber noch nicht abschätzen können.

Um die Zwischentöne zu finden, müssen wir aber auch darauf achten, dass unsere Debatten nicht mehr in dieser Lautstärke geführt werden. Rose McGowan wird zum Beispiel zur DLD nach München kommen, jene Schauspielerin, die in Hollywood die "Me Too"-Debatte, eine der grundsätzlichsten Gesellschaftsdebatten der letzten Jahrzehnte, mit angestoßen hat. Denn - wie sollen die Menschen über eine gemeinsame Zukunft nachdenken, wenn sie immer noch mit dem grundlegendsten Verhältnis der Menschheit hadern, mit den Beziehungen zwischen Mann und Frau? Wie soll die Demokratie nach einer Gerechtigkeit für alle streben, wenn die Menschheit immer noch in zwei Teile zerfällt?

Als wir im vergangenen Sommer begannen, die ersten Gespräche über das Programm der DLD 2018 zu führen, mussten wir uns nicht lange erklären. Freunden, Partnern und all den Menschen, die wir für unsere Bühne gewinnen wollten, leuchtete das Motto "Reconquer" sofort ein. Ja, wir müssen uns erst einmal zurückerobern, was wir verloren haben, bevor wir die nächsten Schritte gehen. Und die kommen zwangsläufig. Denn eines haben wir in fast anderthalb Jahrzehnten als Chronisten des digitalen Fortschritts bei der DLD gelernt: Die Zukunft kann man nicht aufhalten. Es ist aber an uns, sie zu gestalten.

Steffi Czerny ist die Gründerin und Geschäftsführerin der DLD Media GmbH, die unter anderem die DLD-Konferenz in München veranstaltet.